In meiner Laufbahn als Rollstuhlfahrerin höre ich mir viele Kommentare und Fragen bezüglich meiner Behinderung an. Meistens von wildfremden Menschen, wenn ich auf den Aufzug oder die U-Bahn warte, auf Partys an der Bar oder beim Einkaufen im Supermarkt. Das Mitteilungsbedürfnis scheint oft sehr angeregt zu sein, wenn ich als Rollstuhlfahrerin irgendwo auftauche. Ich finde das faszinierend und mache mir oft einen Spaß daraus. Denn Humor braucht man dringend, wenn man nach Sprüchen, wie „Sie sind doch viel zu hübsch, um behindert zu sein“ nicht frustriert nach Hause gehen möchte.

Der Mensch ist von Natur aus neugierig. Und das ist gut so. Durch Neugierde kann man sich Wissen aneignen, Erfahrungen sammeln und aus noch unbekannten Situationen Vertrautheit schöpfen. Das Bild eines Menschen mit Behinderung ist für viele ein noch unbekanntes, nicht gesellschaftlich verankertes Bild. An meinem Gymnasium war ich das einzige Kind, was eine Behinderung hatte. An meiner Universität konnte ich die Studierenden mit einer sichtbaren Behinderung an einer Hand abzählen. Und wenn ich abends feiern gehe, frage ich mich oft, wo all die anderen Frauen und Männer mit Behinderung sind. Es wundert mich somit nicht, dass die Neugierde in meine Erscheinung als Frau im Rollstuhl in vielen Menschen entfacht wird. Und auch wenn mich genau diese neugierigen Blicke und Fragen oft nerven, fühle ich mich persönlich verantwortlich, die Leute zu informieren. Dann lasse ich mich auch gerne mal länger als zwei Sekunden anschauen und beantworte auch mutwillig Fragen, solang sie mir auf freundliche Art und Weise gestellt werden und ein gewisser Abstand gewahrt wird.

Jedoch erschreckt es mich leider zu oft, wie schnell intime Kreise durchbrochen werden können. Ich möchte von keinem Fremden gefragt werden, wie ich Sex habe. Das geht nur meinen Partner, meine Freundinnen und Twitter etwas an. Auch interessiert es mich nicht, ob jemand irgendjemanden kennt, der auch im Rollstuhl sitzt. Ich möchte auch nicht automatisch als Inspiration gelten, nur weil ich eine Behinderung habe. An dieser Stelle höre ich dann oft: „Laura, jetzt sei doch nicht so streng mit den Leuten. Die sind doch nur unsicher.“ Aber will ich Unhöflichkeit mit Unsicherheit rechtfertigen? Und darf Unwissenheit als Entschuldigung dienen?

Die Liste der Sätze, die ich als Rollstuhlfahrerin ständig höre, ist lang. Hier ein ,Best of‘:

„Soll ich schieben? Ich hab mal Zivi gemacht.“

„Du arme, so hübsch und dann im Rollstuhl“
Oder wie meine Oma mal sagte: „Et isenen Schand!“

„Oh, Unfall gehabt? Selbst verschuldet?“

„Ich saß auch mal drei Wochen im Rollstuhl. Ich weiß, wie das ist.“

„Oh, Sie sitzen ja in einem Rollstuhl!“

„Sie müssen das positiv sehen: Sie haben immer Ihren Sitzplatz dabei!“

„Ich wäre auch mal fast in so einem Ding gelandet.“

„Kann man da noch was machen?“

„Toll, dass Sie trotzdem rausgehen.“

„Darfst du betrunken Rollstuhl fahren?“

„Kannst du Sex haben?“

„Sind wir nicht alle ein bisschen behindert?!“

„Also ich könnte das nicht!“

„Sie inspirieren mich.“

„Kann ich Ihnen das irgendwo reinstecken?“

Humor ist wohl der Schlüssel, mit solchen Sätzen gut umgehen zu können und entsprechend darauf zu reagieren. Dank meiner Gene bin ich nicht gerade auf den Mund gefallen und kann für mich genügend Distanz aufbauen, um meine Intimität zu wahren. Und oft kann ich einfach nicht anders, als mir einen Spaß in diesen Situationen zu machen.

„Hast du nen Freund?“
„Ja.“
„Sitzt der auch im Rollstuhl?“
„Nein“
„Oh.“

„Bei uns im Haus wohnt auch jemand im Rollstuhl“
„Also ich wohne nicht in meinem Rollstuhl.“

„Darf ich mal fragen, warum du im Rollstuhl sitzt?“
„Nur zu!“
– Schweigen

„Geiler Vorbau!“
„Oh, danke! Die sind sogar ECHT!“
„Äh, ich meinte das Bike vor deinem Rollstuhl.“
„Oh.“

„Und was ist Ihr Handicap?“
„Handicap? Tut mir leid, ich spiele kein Golf.“

„Und was ist Ihr Handicap?“
„2“

„Soll ich Ihnen einen runterholen?“
„Gleich hier?!“
„Ich meinte vom Regal!“
„Oh.“

„Warum sitzt du denn im Rollstuhl?“ ist wohl die am meist gestellte Frage. In einer Partynacht wurde ich ganze fünf Mal von unterschiedlichen Männern gefragt, warum ich im Rollstuhl säße. Mit der Zeit empfand ich es ziemlich langweilig, das Tonband meiner Lebensgeschichte immerzu abspielen zu müssen.
Um in die Beziehung zu meiner Behinderung ein wenig Abwechslung zu bringen, greife ich auch mal auf folgende Antworten zurück:

„Warum sitzt du denn im Rollstuhl?“
„Das ist psychisch.“

„Warum sitzt du denn im Rollstuhl?“
„Ich war mal Stewardess bei einer privaten russischen Fluggesellschaft. Nach einem Absturz über Sibirien war ich die einzig Überlebende.“

„Warum sitzt du denn im Rollstuhl?“
„Kennst du diese Sexschaukeln?“

Aus all den Sprüchen, die ich als Rollstuhlfahrerin zu hören bekomme, habe ich das Rollstuhlfahrer-Bullshit-Bingo gebastelt.

Rollstuhlfahrer-Bullshit-Bingo 300