Mein Fahrrad hatte ich an die Hauswand gelehnt. Jetzt war die Hauswand leer. Mein Fahrrad war weg. Ich hatte es wohl nicht abgeschlossen. „Oh, dein Fahrrad ist weg. Ich hatte dir doch gesagt, schließe es lieber ab!“ Jan wusste es besser. Wie immer. Und genau das liebte ich an ihm.
„Komm, steig auf, Püppi. Ich nehm‘ dich mit!“ Jan kann gut Fahrradfahren. So wie er alles gut kann.
Ich schaute an meinen Beinen hinunter. Meine neuen knallbunten Sneakers wurden von der Straßenlaterne angeleuchtet. Ich sprang einmal in die Luft, dann noch einmal, und lachte. Auf einmal freute ich mich, dass mein Fahrrad nicht mehr da war. Jetzt konnte ich meinen neuen Sneakers einlaufen! „Jetzt kannst du wenigstens deine neuen Sneakers einlaufen!“, lachte mir Jan entgegen. Seine Augen leuchteten. Er war sehr verliebt in mich. Er drückte mich fest an seine Brust, nahm mein Gesicht in seine Hände und flüsterte: „Na dann sprinte mal los!“ Und das tat ich. Vorbei an anderen Leuten, die in der warmen Sommernacht unterwegs waren. Arm in Arm kamen sie aus den Münchner Clubs und Bars.
Jan fuhr neben mir her. Er streckte mir seine Hand entgegen. Ich griff nach ihr und sprang im selben Moment über einen kleinen Dackel, der meinen Weg kreuzte. „Sehr galant, Liebste!“ rief Jan mir zu. Der Fahrtwind fegte an uns vorbei. Mein Herz sprang mir fast aus der Brust. Ich wurde schneller. Unsere Hände glitten auseinander und plötzlich stand ich auf einer Brücke. Ich keuchte und stützte mich auf meinen Knien auf. Rennen ist anstrengend.
Menschen saßen auf der Brücke. Sie tranken Bier oder rauchten. Paare küssten sich unter Straßenlaternen. Wo war Jan?
Ich drehte mich um und sah nach unten. Schnell und laut strömte die Isar unter mir und den anderen Menschen auf der Brücke hindurch. Ein instabiles Geländer mit dünnen Stäben trennte mich vom Abgrund. Wenn ich da durchflutschen würde, wäre ich tot. Dann wäre Jan ganz alleine. Panik überfiel mich. Ich sah an mir hinunter. Meine Hand streichelte über meinen Bauch. Und als ob eine schwere Last von meinen Schultern fiel, erkannte ich zum ersten Mal in meinem Leben mit Freude: Ich war zu dick. Niemals würde ich durch die Stäbe passen.
Erleichtert darüber, dem Tod gerade noch ein Schnippchen geschlagen zu haben, tippte mir von hinten ein Finger gegen meine Wade. „Host an Euro?!“ „Wie bitte?“ „HOST AN EURO?!“ Ich blickte hinab in ein knallrotes, rundes Gesicht. Ich war schockiert, dass mich ausgerechnet dieser Mensch nach Geld fragte und konterte in perfektem Bayrisch: „Sog a moi, host mi, depperts, kraizkruzifix?! Wieso sans ned im Knast?!“ Ich wurde wütend. „Sie hom ois erreicht! San Deutscher Meister, DFB-Pokal-Sieger und Championsleague-Gewinner worn! Ja, sogar a Wurstfabrik homs g‘habt! Ois vazockt und unterschlog’n ham’s! Jetz is des Fass fui!“
Der dicke Mann ließ nicht locker. „HOST AN EURO?!“, schrie er und packte mich an den Beinen. Ich verlor mein Gleichgewicht und knallte an das wackelige Brückengeländer. Das wilde Rauschen der Isar dröhnte in meinen Ohren. Ich fiel und zuckte zusammen. Bis mich plötzlich zwei Hände packten und mich mit einem Ruck wieder auf die Füße stellten. Geschockt krallte ich mich an Jans dunkelblauem Pullover fest und sog seinen Geruch ein. Tränen liefen mir übers Gesicht.
„Jetzt ist hier aber mal Schluss, Herr Hoeneß! So geht man mit keiner Dame um!“ Jan klopfte mir den Dreck von den Schultern und sah mir in die Augen: „Und schon gar nicht mit meiner.“

Jan setzte mich auf den Gepäckträger seines Fahrrads. Ich klammerte meine Arme um seine Taille und lehnte meinen Kopf an seinen warmen Rücken. „Wenn du mich heiraten würdest, würde ich Laura Liefers heißen.“

Jan Josef trat in die Pedale. „Das klingt schön.“

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Ich träume oft und wild. Meistens erinnere ich mich an alle Träume, die ich in einer Nacht hatte. Das habe ich mir so angewöhnt. ,Ausgeträumt‘ soll eine Reihe von Träumen werden, die mich zum Nachdenken oder zum Lachen gebracht haben.