In die engere Auswahl kamen Dublin, Stettin und Riga. Niemand von uns hatte bisher eine dieser Städte besucht. Mit der einen war ich letztes Jahr in München. Seither nenne ich sie Heidi. Mit der anderen war ich im Januar in Wien. Seitdem heißt sie Sissi. Es war unsere erste Reise zu dritt. Und diese Reise sollte etwas Besonderes werden.

Da niemand von uns jemanden kennt, der oder die schon einmal in Riga war oder Riga überhaupt kennt, entschieden wir uns für Riga. Riga ist die Hauptstadt von Lettland und liegt somit nicht in Schweden.

Sissi hatte sich um eine schöne Unterkunft gekümmert. Um mehr mitten drin zu sein, haben wir uns für eine Seite entschieden, wo man Ferienwohnungen nach Auswahl seiner persönlichen Kriterien buchen kann. Uns war wichtig, dass die Wohnung nah am Zentrum liegt, sodass wir alles gut zu Fuß erreichen können. Nun ist Riga mit seinen knapp 700.000 Einwohnern nicht groß und das Zentrum somit von jeder Ecke gut erreichbar. Alle Busse sind mit Rampen ausgestattet und für eine Taxifahrt zahlt man fünf bis acht Euro, wenn man sich einmal quer durch die Stadt kutschieren lässt.

Natürlich war es unumgänglich, ein barrierefreies Appartement zu bewohnen. Aber auch mit diesem Kriterium spuckte uns die Seite ein paar gute Alternativen aus. Wichtig war, dass der Anbieter einer barrierefreien Wohnung die gleiche Vorstellung von Barrierefreiheit hat, wie ich. Es kam schon oft vor, dass mir jemand von seiner Barrierefreiheit vorschwärmte, weil dort ein Aufzug war. Befinden sich aber zwei Stufen vor diesem Aufzug, hört meine Vorstellung von Barrierefreiheit auf.
Schließlich hatte Sissi das perfekte Appartement gefunden: 70 qm, vierter Stock, Aufzug, keine Stufen, riesige Terrasse und mit Aussicht über Riga. Meinen Duschhocker habe ich von zu Hause mitgenommen.
Wenn ich im Urlaub in einem Hotel oder einer Ferienwohnung bin, bedeutet das für mich strukturelles Umdenken meiner Bewegungsabläufe. Bei mir zu Hause tanze ich in meiner eigenen festen Choreographie: Ich weiß, wie viele Anstöße ich brauche, um vom Schlaf- ins Wohnzimmer zu rollen, welche Hand ich wie auf dem Waschbecken aufstütze, um mich auf die Toilette zu setzen oder mit welchem Griff ich die Milch aus dem Kühlschrank hole. Über all diese Bewegungen muss ich aktiv nicht nachdenken.
In einer mir neuen Umgebung muss eine neue Choreographie her und das bedeutet viel ausprobieren und testen, wie ich mich auf die Toilette setze, wenn das gewohnte Waschbecken oder ähnliches nicht zur Verfügung steht. Das kann anstrengend sein. Meine Freundinnen wissen das und übernehmen dann schonmal den Part des nicht vorhandenen Waschbeckens. Dafür und für vieles mehr liebe ich sie.

Wenn die bessere Hälfte auf der Strecke bleibt

Unsere Flüge buchte ich online, füllte das Anmeldeformular für meinen Rollstuhl aus und bekam kurz darauf die Buchungsbestätigung. Alles wie immer. Auch der Einstieg in die Propellermaschine (!) lief gut; der Servicemensch erzählte uns stolz und überdurchschnittlich redefroh, dass er auch schon einige Jahre in Riga gelebt hat und gab uns gleich mal ein paar Insidertipps: Dass wir auf jeden Fall mal in die Altstadt gehen sollten und in dieser Bar, dessen Name ihm genau zu diesem Zeitpunkt nicht einfiel, einen Black Balsam trinken sollten. So weit, so uninteressant.

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Nach 1:50 Stunden Flug von Berlin nach Riga bestätigte sich meine zweitgrößte Angst, nach der Propellermaschine: Mein Rollstuhl wurde nicht ins Flugzeug verfrachtet, obwohl ich schon panisch nach jedem Koffer (wie man auf dem Bild sieht), der das Gepäckband hochsegelte, fragte, wo mein Rollstuhl denn sei. „Der kommt immer am Schluss“, versuchte mich der selbsternannte Rigaexperte zu beruhigen. So weit, so unberuhigend.

Ich kam ohne meine bessere Hälfte in Riga an und aus meiner drittgrößten Angst, nach der Propellermaschine und vergessenem Rollstuhl, im Baltikum zwangsprostituiert zu werden, wurde ein sehnlicher Wunsch.

Wenn man sich als fitter, laufender Mensch für ein Wochenende die Arme auf dem Rücken oder die Beine zusammenbindet, kann man sich ungefähr vorstellen, wie es für mich war, ohne Rollstuhl dazustehen dazusitzen.

Wie behindert ich eigentlich ohne meinen maßgeschneiderten Rollstuhl bin, merkte ich dann, als mich meine Damen zum ersten Mal im Leihgerät über die sehr holprigen Straßen Rigas schieben, drücken und pressen mussten. Normalerweise hätte ich ein sehr schlechtes Gewissen gegenüber den Menschen gehabt, die mir für die nächsten vier Tage wortwörtlich den Hintern hinterhertragen mussten. Aber schon am Flughafen sah mir Heidi tief in die Augen, legte beide Hände auf meine hängenden Schultern und versicherte: „Wir schaffen das!“ Und ich glaubte ihr.

Flanieren durch Riga

Ich bin ein Mensch, der gerne plant und alles überblicken muss. Wenn ich Städte bereise, informiere ich mich nicht nur über die typischen barrierefreien Dinge, die man besichtigen könnte, sondern ich kümmere mich auch um Sehenswürdigkeiten, die noch kein Tourist zuvor gesehen hat, um Restaurants und Bars, wo ich das essen und trinken kann, was ich noch nie zuvor probiert habe oder um Konzerte oder Theaterprogramme, die sich zufällig mit meinem Reisedatum überschneiden. So kann ich mir genug Wissen über diese Stadt aneignen und habe am Ende meine Zeit optimal genutzt. Jedenfalls dachte ich das immer. Dass man eine fremde Stadt aber auch auf eine ganz andere Weise in sich aufsaugen kann, hat mir das vorangegangene Nicht-informieren über die Stadt Riga gezeigt. Auch Sissi – genauso Orgaprofi – hatte sich zuvor nicht mit unserem Reiseziel inhaltlich auseinandergesetzt. Also standen wir ahnungslosen Damen in Riga. Ohne Plan, ohne Rollstuhl. Aber mit schwarzem Humor, ganz viel Lust auf uns selbst und noch mehr Black Balsam.

Und somit war es unsere Planlosigkeit, die ein zielstrebiges Rennen von A nach B außen vor ließ und uns zum langsamen, aufmerksamen Schlendern verführte – zum flanieren.

„Kann eigentlich jemand von euch Lettisch? Oder zumindest Russisch?“, fragte Heidi, als wir nach 20 Minuten Fußweg von unserer Wohnung in der Moskauer Vorstadt, von der Bevölkerung ‚Moskatschka‘ genannt, ankamen. „Nicht so richtig.“, antwortete ich. „Aber ich kann auf sehr strenge und dominante Art Niet (z. Deutsch: Nein) sagen.“ Im Falle einer Zwangsprostitution würde das sicher helfen, dachte ich und beobachtete dabei eine weiße Katze, die zwischen einem Fenster, umrahmt von alten Holzläden, und einer leicht vergilbten Spitzengardine auf der Fensterbank ihr Mittagsschläfchen hielt. Weiter die Riepniku iela entlang, kamen wir noch an weiteren russischen Holzhäuschen mit noch mehr schlafenden Katzen vorbei. An einigen Ecken ragten kleine Kirchen mit goldenen orthodoxen Kreuzen empor. Eine ältere Frau mit Arbeitskittel, Schürze und Kopftuch trug etwas schwerfällig, aber bestimmt, einen Korb mit leeren Marmeladengläsern an uns vorbei. Durch meine Sonnenbrille sah ich ihr hinterher.

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Wie ich später herausfand, spazierten wir zu diesem Zeitpunkt mitten durch das in der Nazizeit ehemalige jüdische Ghetto, von wo aus tausende Juden in die Konzentrationslager in den umliegenden Wäldern abtransportiert wurden. Innerhalb der Rigaer Künstler- und Intellektuellenszene liegt es heute im Trend, im ehemaligen Ghetto ein schickes Appartement hinter den alten Holzfassaden zu bewohnen.

Hält man in einer der Straßen der Moskauer Vorstadt kurz inne, kann man eine endlos gedehnte Stille wahrnehmen, die ich zum einen als faszinierend, zum anderen als sehr bedrückend wahrnahm.
Ich war irgendwie erleichtert, als wir uns Richtung Zentrum bewegten und die Stille plötzlich durch das Getümmel vieler Menschen auf dem an die Moskatschka grenzenden Zentralmarkt durchbrochen wurde.

Der Zentralmarkt ist mit seinen 50 000 qm der größte Markt Rigas und mit seinen lettischen Spezialitäten und handgemachten und sehr kitschigen Dingen unbedingt einen Besuch wert.

Zwischen den großen Ständen, wo z.B. lettisches Gebäck, wie Laska oder Kliju, in Tonnen angeboten wurden, sind mir besonders die kleinen Stände aufgefallen. Denn dort saß der Bauer ohne Zähne, der am morgen noch rote Beeren pflückte, sie in drei große Gläser abfüllte und sie jetzt für ein paar Cent verkaufen wollte. Oder die alte Dame, die uns laut und selbstbewusst ein lettisches Volkslied vorsang, nachdem Sissi ihr ein Halstuch abkaufte, mir währenddessen mit beiden Händen in die Wangen zwickte, am Ende auf meinen Rollstuhl zeigte und mich mit einer Hand bekreuzigte. So weit, so religiös. Im Rollstuhl sitze ich immer noch.

Der Hunger trieb uns in die Altstadt, wo wir abrupt aufhörten, uns miteinander zu unterhalten, weil wir aus dem Staunen nicht mehr rauskamen. Wir liefen durch verwinkelte Gassen und ergötzten uns an den vielen kleinen aneinandergereihten Jugendstilhäuschen mit den aufwendig verzierten Fassaden. Sissi war im Himmel und für die nächsten Stunden auch nicht mehr ansprechbar.

IMG_3444Im Zila Govs probierten wir verschiedene Käsesorten und teilten uns einen Fischeintopf aus einer großen Holzschüssel. Das Lokal ist ein altes Gebäude aus dem Mittelalter und erinnerte mich stark an eine meiner Lieblingsserien, Game of Thrones.
Nicht den ersten und nicht den letzten Black Balsam tranken wir am Abend in der Riga Black Magic Bar. Der berühmte Kräuterlikör wird hier nicht nur hergestellt, sondern auch in vielen Variationen serviert. Und zum ersten Mal sah ich einen großen Vorteil darin, im Rollstuhl geschoben zu werden.

 

Was ist schön?

Das, was bei uns als billiger Kitsch gestempelt ist, sorgt in Riga vor allem bei den lettischen Damen für Bewunderung und Prestige. Die Kleidung der lettischen Frauen ist weitestgehend sehr figurbetont, mit viel Strass und Glitzer. Ich ertappe mich beim Hegen eines bekannten Vorurteils, welches ich als Westeuropäerin bei den Frauen aus den östlichen Ländern habe: Der in meinen Augen ‚billig‘ wirkende Kleidungsstil lässt darauf schließen, dass die Frauen leicht zu haben sind. Das mag bei einigen Frauen, genau wie in anderen Ländern, vielleicht der Fall sein, ist aber nicht die Norm.
Es ist offensichtlich, dass dieser Stil das Schönheitsideal prägt. Wäre ich in Riga aufgewachsen, wäre ich wohl die Glitzerkönigin und hätte endlich einen Grund, jeden Tag High Heels zu tragen. Da mir aber andere Schönheitsideale anerzogen wurden, fragte ich mich, ob und wenn ja, welches Vorurteil die Osteuropäerinnen dem westlichen Kleidungsstil der Frauen hegen. Sind wir in deren Augen prüde, alternativ oder gar langweilig gekleidet? Würde ich mit meinem eher klassischen Kleidungsstil überhaupt ins Beuteschema der Letten passen?

Umringt von den ganzen grellen Farben in Kleidung und Make-Up vieler lettischer und russischer junger Frauen, fühlte ich mich komischerweise grau, unauffällig und sogar unattraktiv. Und vielleicht hat man mich als Frau auch so wahrgenommen.

Wiedervereint und im Herzen stärker

Das Fehlen meiner besseren Hälfte rückte schon am allerersten Tag komplett in den Hintergrund. Wie Heidi es am Anfang versicherte, hatten wir es tatsächlich geschafft und hatten die schönsten vier Tage in einer tollen Stadt. Riga hat uns als wahre Freundinnen noch mehr zusammenwachsen lassen. Ich hätte mir in solch einer Extremsituation niemand anderen an meiner Seite gewünscht, als meine Damen von Riga.

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„Sissi“ und „Heidi“, meine Felsen in der Brandung, vor dem Lettischen Nationaltheater.

 

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Meine bessere Hälfte.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mein Rollstuhl wurde von der Fluggesellschaft am letzten Tag unserer Reise nach Riga geflogen. Am Flughafen nahm ich ihn in Empfang und setzte ein Beschwerdeschreiben auf. Die Untersuchungen laufen.

Auch erschien dieser Text bei Les Flaneurs!