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Fassungslos und verletzt sah ich mir das Plakat zur ARD-Themenwoche Toleranz an. Wieso fragt mich die ARD, ob ein dunkelhäutiger Mann eine Belastung oder Bereicherung sei? Oder ob ein Rollstuhlfahrer Außenseiter oder Freund ist? Oder ist es im zweiten Fall die Behinderung, die einen zum Außenseiter oder zum Freund macht?
Je länger ich darüber nachdachte und rätselte, wie mir die ARD auf so eine provokante und verletzende Art, Toleranz näher bringen will, desto wütender wurde ich. Mit solchen Gegenüberstellungen, wie Außenseiter oder Freund wird meine Existenz und die Existenz aller anderen Minderheiten in Frage gestellt. Im Jahr 2014 fragt die ARD noch immer, ob es normal oder nicht normal ist, wenn zwei Männer sich lieben! Auch glaube ich nicht, dass die Hautfarbe darüber entscheidet, ob jemand eine Belastung oder Bereicherung ist. Das einzige, was ich hinter solch einer plumpen Fragestellung entdecke, sind wenig reflektierte Wahrnehmungsmuster, die keineswegs jemanden einladen, seine eigenen möglichen Vorurteile zu überdenken.  

Wer sollte eigentlich wem gegenüber tolerant sein?

Komischerweise scheint sich die Plakatserie nur an den Otto Normalverbraucher zu richten, der sich doch bitte zu entscheiden hat, in welchem Maße er mich als Mensch mit einer Behinderung und andere gesellschaftliche Minderheiten tolerieren möchte.
Als Mensch mit einer Behinderung möchte ich bezüglich solch einer Themenwoche nicht toleriert, also erduldet, werden. Und schon gar nicht möchte ich durch die von der ARD auf einen Thron gestellte Mehrheit in eine Schublade gesteckt werden. Das lässt mich passiv dastehen. Ich möchte, so wie jeder andere auch, in meinem Wesen und meiner Erscheinung akzeptiert werden und die gleichen Rechte und Pflichten haben, wie jeder andere auch.

Viele Menschen im Netz kritisieren die Umsetzung dieser Kampagne. Und das völlig zurecht. Durch meine bisherige Arbeit für Leidmedien bin ich für dieses Thema und die Kommunikation nach außen sehr sensibilisiert. Auch berate ich selbst
Werbeagenturen, wenn sie sich solch ein Thema zur Aufgabe machen wollen. 

Von der PR-Agentur der ARD hätte ich mir eine Kampagne gewünscht, die auf feine, provokante Art mit den Vorurteilen der Menschen spielt. Der Betrachter sollte sich beim Anschauen des Plakates beim Hegen eines Vorurteils ertappt fühlen und mit einem Lächeln weitergehen. Man stelle sich z.B. einen erwachsenen Mann mit Trisomie 21 vor und darüber steht der Satz einer von 1.999.999 Lehrern in Deutschland. Oder man sieht ein gleichgeschlechtliches Paar und darüber steht eins von 199 Paaren in Deutschland, das am 11.11.11 geheiratet hat.

Am 15.11 geht die ARD mit ihrer Toleranz-Themenwoche an den Start. Vor ein paar Tagen bekam ich von einem großen Radiosender die Anfrage, ob ich ein Interview über das Leben und Lieben mit Behinderung geben möchte. Gestern habe ich mich dagegen entschieden. Das ist sehr bedauerlich, da mich dieser Sender seit meiner Kindheit begleitet und ich zu dem Interviewthema schöne und lustige Geschichten hätte erzählen können. Jedoch möchte ich aus den oben genannten Gründen nicht Teil dieser eigentlich gut gemeinten, aber schlecht gemachten Aktion sein.
Ich hoffe, dass es noch viele Themenwochen in Zukunft geben wird, die sich den Randthemen unserer Gesellschaft widmen werden. Ohne Diskriminierung und Schubladendenken, sondern mit Witz, Charme und gesundem Menschenverstand.