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Wenn im Teaser eines Fernsehfilms schon Wörter fallen wie “Pflegefall” und “an den Rollstuhl gefesselt”, ahne ich, wie manch RollstuhlfahrerInnen auch, nichts Gutes. So war ich mir auch beim Lesen des Teasers zum Film “Der Kotzbrocken” (ARD) unsicher, ob ich mir das antun wollte. Doch dann schaute ich rein. 

Als ich vor ein paar Wochen das Presseheft der ARD-Produktion zum Film “Der Kotzbrocken” las, war ich sehr verwundert:

Der Pflegefall Georg (Roeland Wiesnekker) ist nach einem Autounfall an den Rollstuhl gefesselt. Seither lebt er in einer stationären Pflegeinrichtung für Behinderte. Sein Zimmer ist verdunkelt, er liegt rauchend und verwahrlost auf dem Boden. Er badet in Selbstmitleid, will niemanden sehen und ‚kotzt’ jeden an, der ihm gut zureden will. Ein richtiger Kotzbrocken.

Schon wieder schienen Medienmacher auf den fahrenden Zug des heiß diskutierten Themas “Behinderung” aufspringen zu wollen und würden wohl mehr Schaden anrichten, als mit Klischees und Vorurteilen aufzuräumen. Schon wieder wird ein Protagonist an den Rollstuhl gefesselt und zum Pflegefall gemacht. Beides sind Begriffe, die sehr negative Bilder in den Köpfen auslösen und die Vorurteile nur noch bekräftigen. Als Rollstuhlfahrerin bin ich aber nicht an den Rollstuhl gefesselt, sondern auf ihn angewiesen. Mein Rollstuhl ermöglicht mir die Fortbewegung oder dient mir als Sportgerät. Auch wird der Begriff Pflegefall eher im medizinischen oder bürokratischen Fachbereich verwendet, als im Alltag, wo ein Mensch, auf Assistenz angewiesen ist. Und ist es wirklich realistisch, dass der allgemeine Rollstuhlfahrer in einer stationären Pflegeinrichtung lebt? Mich irritierten diese Begriffe und mir verging die Lust, den Film überhaupt anzusehen.

Ich sah ihn mir trotzdem an, nahm mein Notizheft zur Hand, weil ich einen Arikel schreiben wollte, achtete aber auf jeden kleinen Fehler, der meine Vorahnung einer klischeebeladenen “Behindertenromanze” bestätigen sollte. Ich habe Fehler gefunden und dabei etwas ganz anderes verloren…

Wie viel Realität erträgt die Darstellung von Behinderung?

Die ersten sechzehn Minuten rauschten unaufgeregt an mir vorbei, bis die Szene in der stationären Pflegeeinrichtung kam, in der als erstes ganz offensichtlich fitte, sportliche und sehr selbständige Rollstuhlfahrer beim Basketballspielen gezeigt wurden. Ich verdrehte die Augen und notierte mit aggressiv geführten Stift: „Realitätsferne Darstellung! Seit wann leben selbständige Rollstuhlfahrer in Heimen?! Oh Gott!“

Kurz darauf wurde ‘Martin’ vorgestellt. Ein Nebendarsteller, der offensichtlich einen hohen Querschnitt hat und als bedauerliche, todkranke und pseudo-weise Figur mit gequälter Stimme dargestellt wird. Eine Pflegerin füttert ihn, sein Schlabberlatz ist übersaht mit Brei. Ich wurde wütend. „Hätte man während der Fütterszene nicht auf das vollbesudelte Lätzchen verzichten können?!“, kritzelte ich in meine Notizen. Der Drehbuchautor wollte damit wohl das große ‘Leid’ unterstreichen, überlegte ich. Aber jeder, der einem gelähmten Menschen beim Essen assistiert und dabei so grausam kleckert, hat offensichtlich seine Berufung verfehlt. Auch, dass Martin plötzlich in das Hospiz abtransportiert wird, irritierte mich sehr, da ich mich fragte, ob “aktive Sterbehilfe” hier (un)bewusst thematisiert wurde. Die Rolle von Martin verschärfte in meinen Augen generell das Vorurteil, dass Menschen mit derartigen Behinderungen weder würdevoll noch länger leben können.

Schmaler Grad zwischen Unterhaltung und Aufklärung

Wer sucht, der findet. Mir hat das Anschauen des Films keinen Spaß gemacht. Und jetzt weiß ich warum.
Ich habe mich so sehr auf mögliche Fehler und Fettnäpfchen konzentriert, jedoch dabei den Blick für das große Ganze, die lustigen, rührenden, ja sogar die aufklärenden Momente verloren.  Erst als ich den Film ein zweites Mal sah, entdeckte ich, dass das im Presseheft angekündigte Bild des an den Rollstuhl gefesselten Pflegefalls, Georg, im Film gar keine Rolle mehr spielt. Zwar fanden sein Frust und Selbstmitleid anfänglich ihre Berechtigung. Doch der Zuschauer erfährt, wo dieser Frust und die Manier des “Kotzbrockens” herrühren,  kann emotional mitgehen und gewinnt nach und nach das Bild des aktiven Mannes im Rollstuhl, der um eine Frau kämpft. Und schließlich eröffnete sich mir die Botschaft, die der Film den ZuschauerInnen vermitteln wollte: Eine Liebesgeschichte. Eine Liebesgeschichte, dessen Ausgang zwar zu erwarten war, die jedoch so frei von Kitsch und Mitleids-chi-chi ist, dass es einfach Spaß machte, dabei zuzusehen. Denn am Ende ist es nicht der behinderte Mann allein, der gerettet werden muss. Auch Sophie, die Protagonistin, wird durch Georg, den Rollstuhlfahrer, gerettet:

Sophie (Aglaia Szyszkowitz) ist verloren zwischen ihrer Rolle als alleinerziehende Mutter, zwei Jobs und finanziellen Sorgen. Und schließlich wird sie auch noch durch eine Gerichtsverurteilung zu 300 Sozialstunden verdonnert und leistet diese in der stationären Einrichtung bei Georg (Roeland Wiesnekker) ab. Ihre anfänglichen Reibereien enden, als Sophie erfährt, dass Georg vor seinem Unfall Marathonläufer war und er sie zu einer Wette herausfordert: Beide nehmen am nächsten inklusiven Marathon teil. Wenn Georg gewinnt, bekommt er Sophie. Wenn Sophie gewinnt, bekommt sie Georg. Ihr tägliches Training verbindet beide immer stärker. Aus der anfänglichen Abneigung wird Freundschaft. Aus Freundschaft wird tiefe Zuneigung. Durch Georg entdeckt sie, was es bedeutet, Fehler einzugestehen und Selbstverantwortung zu übernehmen. Doch in Sophies Leben gibt es auch noch den wohlhabenden und gut aussehenden Jacques (Martin Rapold), der für Eifersucht- und Beziehungsdramen sorgt.

Es freut mich, wenn ein breites Medium, wie die ARD, sich mit dem Thema “Behinderung” und “Begegnung mit Menschen mit Behinderung” auseinandersetzt. Ich sehe es als große Chance für jede Produktion, den gängigen Klischees und Vorurteilen entgegenzuwirken, indem sie dieses wichtige und sehr sensible Thema einer inklusiven Liebesgeschichte in die Wohnzimmer der Zuschauer transportieren. Der Film “Der Kotzbrocken” vermittelt eine der modernsten Botschaften in unserer heutigen Gesellschaft: Die Liebe zwischen einem Mann im Rollstuhl und einer nicht behinderten Frau. Und hat damit etwas geschafft, was bisher nur wenigen Produktionen gelingt: Er hat die Zuschauer unterhalten und ganz nebenbei aufgeklärt, dass so eine Liebe möglich sein kann.

Dieser Text erschien ebenfalls bei Leidmedien und ist hier noch einmal frisch zu begutachten.