Du gehst aus, mit deiner besten Freundin in eine Bar. Ihr habt euch nett aufgehübscht, natürlich ohne jegliche Hintergedanken. Der einzige Mensch, für den du dich hübsch machst, bist sowieso und ausschließlich nur du selbst. Ihr wollt einfach einen schönen Abend miteinander verbringen. Unter euch, ohne Männer.
Und dann, ganz zufällig, sitzt er auch in dieser Bar, lächelt dich an. Du flirtest, du weißt, du siehst heute gut aus. Er kommt zu dir rüber und du erkennst unmittelbar: Er hat alles, was du dir je gewünscht hast. Groß, breite Schultern zum anlehnen. Seine Jeans trägt er lässig auf den Hüften. Er spricht dich an, mit tiefer, warmer Stimme sagt er dir, wie schön du bist. Du erkennst seine Güte und Aufrichtigkeit in diesem einen Satz. Du verliebst dich in der Nacht, in der ihr miteinander schlaft. Ihr seht euch wieder, geht miteinander aus, schlaft miteinander. Er ist genau das, was du brauchst und dir gut tut. Und natürlich erkennt er das selbe in dir.


Die ganze Geschichte kommt dir bekannt vor? Gut, mir auch nicht. Denn das mit der Liebe sieht in der Realität und vor allem in Berlin oft anders aus. Es ist die Stadt der ewigen Affären. Paare, die zusammen nach Berlin kamen, trennen sich. Oft weil einer den Versuchungen, die einem hier ständig unter die Nase gerieben werden, nicht standhalten kann. Er/sie entdeckt plötzlich, dass da auch noch andere Frauen/Männer sind, die einen weiterbringen könnten als der/die eigene Partner/in. Alleinstehende kommen in ihren 20ern in die Stadt, streben nach Selbstverwirklichung und entdecken die Unverbindlichkeit, nur um am Ende genau an dieser zu scheitern und frustriert, enttäuscht und immer noch Single mit Mitte 30 wieder zurück zu ihren Wurzeln kehren, sich besinnen und den Partner fürs Leben beim nächsten Dorffest finden.

 

Wer alles will und sich selbst verliert

 

In Berlin scheint sich niemand binden zu wollen, aber jeder wünscht sich eine glückliche Beziehung. Ohne Verantwortung, ohne gemeinsame Wohnung, ohne Kompromisse. Ich kenne keinen Single – und davon gibt es in der Hauptstadt ja bekanntlich viele – der glücklich über diesen Status ist. Das Paradoxe: Jeder scheint sich über das Problem im Klaren zu sein und analysiert:
Jeder strebt nach Selbstverwirklichung im Job, im Privatleben, im Bett. Man bindet sich nicht mehr, man wartet nur noch, bis das Bessere an der nächsten Ecke steht. Der bessere Job, die bessere Wohnung, die bessere Frau, der bessere Mann. Dieses Warten interpretiere ich als kontinuierliches Streben nach dem Besseren, getragen von hohen und oft utopischen Erwartungen, vor allem in Partnerschaften, genährt von den unzähligen Angeboten und Reizen, die diese Stadt zu bieten hat.

Doch das ganze Streben birgt eine große Gefahr: Man verliert seine Bescheidenheit. Eine Tugend, die für unser Seelenheil wichtig ist. Das Besinnen auf das hier und jetzt, zufrieden sein, mit dem was man hat, zu schätzen wissen, mit wem man zusammen ist. Das alles scheint verloren zu gehen. Dabei zeugt die Fähigkeit, sich auf etwas besinnen zu können, von Selbstbewusstsein. Man ist sich seiner Selbst bewusst. Man weiß, was man hat, was man von sich selbst und vom Leben erwarten kann. Das soll das Streben nach Selbstverwirklichung natürlich nicht ausschließen – im Gegenteil. Das zwischenzeitliche Besinnen auf sich selbst und das Hinterfragen seiner eigenen Werte, liefern womöglich genau die Stabilität, die man braucht, um sich selbst zu verwirklichen und dabei auch erfolgreich zu sein. Und dann kann man beruhigt aufhören, auf dieses Bessere zu warten oder danach zu streben. Man steht hinter seinem Vorhaben und seinen Entscheidungen und kann für sich selbst und andere Verantwortung nehmen. Das wirkt sich auch auf die Entscheidung aus, eine Partnerschaft einzugehen. Besonders dann, wenn er oder sie eine Behinderung besitzt. Man bringt sich entspannter und selbstbewusster an den Mann/die Frau, weil man weiß, was gut für einen ist. Man ist in der Lage, mehr zu sehen, als nur die Behinderung.

 

Es gibt guten und guten Sex

 

Es hat Zeit und Männer gebraucht, um diesen für mich nun logisch klingenden Gedanken in Worte zu fassen und danach zu leben. Ich strebe nicht mehr danach, den perfekten Partner – was auch immer perfekt bedeutet – zu suchen und habe gelernt, keine utopischen Erwartungen an Menschen, und schon gar nicht an diesen einen Partner, zu stellen. Um ehrlich zu sein, ist es mir auch einfach zu anstrengend. Ich habe aufgehört, mich von Männern finden zu lassen, die nicht wissen, was sie wollen und nicht mehr in mir sehen, als ein exotisches Abenteuer. Mir ist bewusst, dass ich auf viele Männer mit einer paradoxen Erscheinung als sehr faszinierend wahrgenommen werde. Ich bin sehr selbstbewusst, gehe sicher mit meinem Körper um, bin laut und manchmal lustig und wirke als starke Person nach außen. Auf der anderen Seite trage ich eine für andere offensichtliche Schwäche mit mir herum. Ich schmiere jedem so offensichtlich aufs Brot, dass ich in meinem Leben auch schon härtere, prägende Zeiten erlebt habe, dass manch einer hin und her gerissen ist, in welche Schublade er mich nun stecken soll. Es ist paradox, es ist verwirrend, es ist faszinierend. Und es ist in Ordnung für mich. Auch ich fühle mich von dem mir unbekannten angezogen, bin neugierig und möchte mich in neuen Situationen ausprobieren. Doch ich fühlte mich in diesen Momenten objektiviert, reduziert auf meine Behinderung und als das mal-mit-einer-Frau-im-Rollstuhl-geschlafen-Abenteuer abgestempelt. Meistens von Männern, die bei Frauen auf den ersten Blick gut ankommen, die jede haben könnten und schon alle gebumst haben, nun gelangweilt sind und in mir ihre ganz persönliche Herausforderung sehen. Das ist nicht der Regelfall, aber es kam vor. Bis mir mein damaliger Freund sagte: “Die einzige, die sich hier reduziert, bist du selbst.” und mich mit dieser Wahrheit knallhart ins Gesicht traf. Die Möglichkeiten, dass mich jemand geil findet, weil ich sein Typ Frau bin und vielleicht ausstrahle, dass ich auch kein Mauerblümchen bin, ließ ich außen vor. Und vielleicht versteckte ich mich sogar in diesen Momenten hinter meiner Behinderung; konnte ich doch alles Scheitern ganz einfach auf sie zurückführen. Dass mich jemand nicht haben wollte, weil ich womöglich zu dominant, zu vorlaut, zu bescheuert oder einfach nicht sein Typ war, zog ich nur selten in Betracht.

Ein anderes Extrem ist, dass mir aufgrund meiner eingeschränkten Mobilität, eingeschränkter Sex unterstellt wird. „Wie soll das denn funktionieren, wenn du noch nichtmal laufen kannst?“, wurde ich einmal gefragt. Oder es wird davon ausgegangen, dass ich einfach nur passiv rumliege und der Sex sowieso nicht gut sein kann. Solche Fragen oder Vorstellungen empfinde ich eher als dumm und zeugen von mangelhaften Vorstellungsvermögen. Wie solche nichtkreativen Menschen im Bett sind, kann ich mir dann wiederum sehr gut vorstellen.

Das Gute an gutem Sex ist, dass es den guten Sex gar nicht gibt. Jede/r muss für sich selbst entdecken, was sich gut anfühlt, wo und wie man zu seiner Befriedigung kommt und wie man Befriedigung an seine/n Partner/in zurückgeben kann – ob mit oder ohne Behinderung.
Sexualität ist nicht einfach da. Sie muss im Laufe des Lebens entwickelt, erforscht und ausgelebt werden. Ein gutes Körpergefühl und Kommunikation sind wohl die Schlüssel zu einem erfüllten Sexualleben. Mit einer Behinderung ist man gezwungen, sich mit seinem Körper auseinanderzusetzen und seine Kreativität zu optimieren. Anders funktioniert es nicht. Bringt man dann noch eine gute Portion Humor mit, das Verständnis, dass es beim Sex auch mal um Macht geht, ist der Spaß und die Leidenschaft schonmal gesichert.

 

Behinderung als Kompromiss?

 

Beziehung bedeutet neben gemeinsamen Urlauben, Partys und morgendlichem Sex nunmal auch Arbeit. In gewissen Situationen muss man zurückstecken um des Partners Willen und Glück. Man versteht es auch als Kompromiss eingehen. Auch das ist hin und wieder normal in einer Beziehung. Wenn das beide wissen, kann man beruhigt sein, dass der Partner, für den gerade noch zurückgesteckt wurde, genauso kompromissbereit ist, wenn der andere es gerade braucht und wünscht. Eine Wechselwirkung, an der man wächst und sich selbst besser kennenlernt.

Mit meiner Behinderung begegne ich dem Vorurteil, dass der Partner in einer Beziehung besonders viele Kompromisse eingehen muss. Dann mussten sich meine Exfreunde auch schonmal Sprüche anhören, wie „Warum tust du dir das an?“ oder „Hast du dir das auch gut überlegt?“ Damals brachte mich das oft in die Verlegenheit, kontinuierliche Überzeugungsarbeit zu leisten und manchmal sogar Dinge schöner zu reden, als sie in Wahrheit sind. Ich habe mich geschämt für die Dinge, die ich aufgrund meiner Biologie nicht kann oder anders erledigen muss. Und so habe ich mich auf Festivals gequält und kam an meine körperlichen Grenzen, oder habe mir bewusst kein Steak bestellt, weil ich in der rechten Hand wenig Kraft habe, um somit nicht nach Hilfe beim Schneiden fragen zu müssen. Ich wollte Leuten und Männern keinen Nährboden für solche Aussagen liefern, ich wollte nicht, dass jemand wegen meiner Behinderung einen Kompromiss eingehen muss. Bis ich entdeckte, dass mich der ständige Drang, Normalität, die nach Meinungen anderer nur ohne Behinderungen zu erreichen wäre, beweisen zu wollen, viel mehr anstrengte, als offen und ehrlich mit den Folgen meiner Behinderung umzugehen.

Wenn ich heute signalisiert bekomme, dass Menschen mir ein schweres, ‚unnormales‘ Leben aufgrund meiner Behinderung attestieren, gehe ich einfach mal davon aus, dass diese Leute bisher keine Erfahrung oder Begegnung mit Behinderungen gehabt haben, dass ihnen durch Medien und anderen gesellschaftlichen Instanzen ein defizitorientiertes Bild von Behinderung vermittelt und anerzogen wurde. Vielleicht wissen sie nicht, dass sich behinderte Menschen genauso aktiv und kompromissbereit in Beziehungen verhalten, wie der/die Partner/in. Eine Behinderung zu besitzen, bedeutet weder weniger bieten zu können, noch mehr zurückstecken zu müssen. Es geht darum – wie in jeder anderen Beziehung auch – ein Gleichgewicht zu halten, sich zu ergänzen. Und genauso, wie ich in einer Beziehung mit meiner körperlichen Situation, viel antreibe, viel motiviere, viel Kraft und Stärke gebe, kann ich auch viel kaputt machen, verletzen und Fehler begehen. Letztendlich schützt eine Behinderung nicht davor, auch mal das Arschloch zu sein. Und so entdeckte ich eines Tages, dass ich meinen damaligen Freund in Sachen persönliche und berufliche Entwicklung überholt hatte. Und auch das ist normal in einer Beziehung. Aber ich ging einfach weiter und ließ meinen Freund knallhart zurück, ohne dass ich ihm die Chance gab, meine Entwicklung zu verstehen und eventuell mit mir mitzugehen. Ich stellte meine Bedürfnisse über das Seelenheil des Mannes, den ich mal sehr geliebt habe.

 

Stark, mutig, selbstbewusst

 

Es ärgerte mich, wenn mein Freund als der starke, mutige und fürsorgliche Mann glorifiziert wurde von Leuten, die ihm anerkennend auf die Schulter klopften, nur weil er sich in eine Frau im Rollstuhl verliebt hatte. Ich fühlte mich in ein schlechtes Licht gestellt und als Bittstellerin abgestempelt. Und noch heute rufen diese Art von Menschen Anflüge von Aggressionen in mir aus. Jedoch habe ich für mich auch ein Fünkchen Wahrheit in diesen Aussagen entdeckt. Jeder Mann, der sich für mich entscheidet, muss neben einigen anderen Eigenschaften auch mutig, stark und fürsorglich sein. Ich würde keinen Mann, der nicht diese drei Eigenschaften mitbringt, für mich auswählen. Ich mag diese Eigenschaften an Männern. Sie tun mir gut. Ich habe an mir ebenfalls diese Attribute entdeckt und fühle mich in ihnen bestätigt und bestärkt, wenn ich sie auch bei meinem Mann wiederfinde. Und das ist gut so, denn andersrum glaube ich nicht, dass sich jemals ein Mann auf mich einlassen würde, der nicht mutig und stark ist. Nur wer bodenständig, selbstbewusst ist und weiß, was er will und ihm gut tut, würde sich auf mich die starke Frau mit Behinderung einlassen. Ganz einfach, weil er dann mehr sieht, als nur den Rollstuhl.

Kein Mann, der nicht offen für Perspektivwechsel, kreativ und geerdet ist, der Vielfalt erkennt und sie zu schätzen weiß, hätte das Selbstbewusstsein, mich an seiner Seite zu haben. Und das liegt nicht primär an meiner Behinderung, sondern weil ich die Laura bin, schnelllebig und sehr engagiert bin. Ich weiß, wie ich gut funktioniere, urteile streng und manchmal zu hart. Mein Humor ist schwarz, geht gerne unter die Gürtellinie und abends heul ich manchmal, weil ich mich besinne und erkenne, dass ich ganz schön viel Glück im Leben gehabt habe.

Und schließlich braucht mein Mann all diese Eigenschaften auch, um mit den gesellschaftlichen Vorurteilen, die meine Behinderung nunmal in der heutigen Zeit immer noch mitbringen, umzugehen: “Sind Sie ihr Betreuer?”, gab die Dame hinter der Kinokasse als Antwort auf meine Frage “Haben Sie noch zwei Plätze nebeneinander für Saal vier?” und schaute dabei meinen damaligen Freund an. Er fasste daraufhin meinen Hinterkopf und presste seinen Mund so erotisch auf meinen, wie wir es sonst nur zu Hause taten. Es war seine Art auf die Frage der Kinofrau zu antworten.Nur wer sich auf sich selbst besinnen kann und weiß, dass Bescheidenheit nicht bedeutet, sich einschränken zu müssen, sondern sie sich als Tugend bewahren kann, wird das Ding – das wäre in diesem Fall dann ich – schaukeln.

Meine Behinderung ist sichtbar. Sie prägt meine Persönlichkeit und filtert automatisch die Menschen, die nicht mehr in mir sehen, als den Rollstuhl als Symbol für Passivität und Defizit. Meine Behinderung ist mein ganz persönlicher Arschlochfilter.