Wir hatten Hunger und entschieden uns spontan für den Burritoladen bei mir um die Ecke. Ich war mit meiner hochschwangeren Freundin schon vor Ort, der Mann kam mit einem Freund ein paar Minuten später dazu. Wir bestellten unser Essen und redeten über rote Hosen und Plazenten.
Dem Freund des Mannes fielen die beiden Typen mit Steppjacke und Jogginghose als erstes unangenehm auf. Beim Betreten des Ladens schienen sie direkt den ganzen Raum für sich in Anspruch zu nehmen. Ihre tiefen Stimmen hoben sich leicht vom üblichen Geräuschurwald der anderen Gäste ab. Ich ignorierte die beiden Typen, unterhielt mich weiter mit meiner Freundin und versuchte sie davon zu überzeugen, ihre Tochter in Spe Laura zu nennen.

Erst als ich zum wiederholten Mal das Wort „Spasti“ links hinter mir vernahm, stellte ich meine Überredungskünste ein und konzentrierte mich unauffällig auf das Gerede der beiden Männer. Aus dem Augenwinkel versuchte ich sie zu mustern und den Werdegang der Situation einzuschätzen. Ich wollte mir sicher sein, ob meine Erscheinung als Frau im Rollstuhl hier nun eine Rolle spielt oder nicht.
„Behinderte Fotze“ war das nächste, was mir vom dickeren der beiden Typen aus einem Meter Entfernung entgegen kam. Abrupt drehte ich mich um, setzte zum verbalen Gegenschlag an und verschluckte sofort all meine Wut in dem Augenblick, wo ich mir den großen, breiten Typen mit dunkelblauer Steppjacke, grauer Jogginghose und schwarzen Haaren genauer anschaute. Reste von Tätowierungen wuchsen aus den Jackenärmeln an seinen Handgelenken und dem Kragen der Jacke an seinem Hals hervor.
Ich versuche, Menschen so gut es geht, nicht aufgrund ihrer Äußerlichkeiten in Schubladen zu pressen und natürlich weiß ich, dass Tätowierungen nicht gleich auf aggressive Vollidioten schließen lassen, aber hier war es anders. Ich bekam Angst, als ich diesen Menschen sah. Es war ein unangenehmes Gefühl, das ich als persönliche Warnung interpretierte.
Als ich mich wieder umdrehte, fiel der wohl ekelhafteste Satz, den ich bisher in Bezug auf Behinderung gehört habe: „Krüppel-DNA gehört ausgerottet.“ Daraufhin erfolgte Gekicher und Gelächter. Ich schluckte. Der Mann sah mich besorgt an, stand vom Tisch auf, eilte zu mir rüber und wollte wissen, was da gerade gesagt wurde. Ich schwieg ihn an.

Meine Mutter hat immer gesagt, dass ich wegen meiner großen Klappe irgendwann mal in ernsthafte Schwierigkeiten geraten würde.
Ich erinnere mich an andere Situationen, wo ich oder andere in meiner unmittelbaren Nähe Diskriminierung erfahren haben. „Sowas, wie dich hätte man vor 70 Jahren noch vergast“, sagte mir ein Mann in der U-Bahn, als er an mir vorbeihuschte. Lauthals schrie ich ihm hinterher, dass er mit seinem kleinen Pimmel woanders rumwedeln solle. Die anderen Fahrgäste hatten diesen „Austausch“ mitbekommen und ein paar sprachen mir danach anerkennend zu. Dass das alles auch in die Hose hätte gehen können, der Typ auf mich losgehen und mich verletzen hätte können, hatte ich damals erst im Nachhinein bedacht. Und wenn ich gar nichts gesagt hätte, wären mir die Leute, die mir gerade noch anerkennend auf die Schulter klopften, im Notfall zu Hilfe geeilt?
Einmal beobachtete ich in der U-Bahn, wie drei Jugendliche einem Jungen die Turnschuhe abzocken wollten. Der Junge saß verängstigt auf seinem Platz und konnte sich nicht wehren. Es waren noch zwei andere Fahrgäste im Abteil, die die Situation ebenfalls bewusst wahrnahmen.
Irgendwann sagte man mir, dass man im Notfall Passanten zum Handeln mobilisieren soll, wenn man sich selbst nicht in der Lage fühlt, aktiv zu werden. „Wenn Sie da jetzt nicht eingreifen, mache ich das und Sie sind dann Zeuge!“, sagte ich laut zu dem Mann, der mir schräg gegenüber saß. Ich wartete die Reaktion des Mannes gar nicht mehr ab und drohte den drei Jugendlichen laut, dass ich gerade die Polizei gerufen habe. Bei der nächsten Station stiegen sie aus.

Auch im Burritoladen hätte ich gerne laut gebrüllt. Aber ich hatte Angst. Seit meinem Schädelbruch vor zwei Jahren habe ich Angst um meinen Körper und um meine Gesundheit. Wäre der große Typ auf mich losgegangen, hätte er mich ernsthaft verletzen können. Und dafür hätte er sich noch nichtmal anstrengen müssen. Ich hatte zum ersten Mal Angst, dass mich meine große Schnauze in ernsthafte Schwierigkeiten hätte bringen können. So, wie es mir meine Mutter immer eingebläut hat.

Und ich hatte Angst um den Mann, der kurz davor war, auf die beiden Idioten zuzurennen und zuzuschlagen, wenn ich nicht geschwiegen und ihm die ekelhaften Worte wiedergegeben hätte. Wider meiner Natur entschied ich mich bewusst dafür, so schnell wie möglich dort weg zu kommen. Auch weil da der Mensch involviert war, dem kein Haar gekrümmt werden darf und dessen Sicherheit mir wichtiger war, als irgendeine Verteidigung.

Der Abend war dann erstmal gelaufen. Wir verließen ohne etwas gegessen zu haben den Laden und waren schockiert von so viel Hass und Dummheit.

Die Qual, die wir danach erlebten, ist dass wir nichts dagegen gemacht haben. Man hat das Gefühl, diesen Vollpfosten das Feld und somit die Macht überlassen zu haben.
Was jetzt hilft, ist diese Geschichte öffentlich zu machen, sichtbar zu machen, dass diese Art von Diskriminierung existiert und jedem passieren kann. Denn im Grunde ging es primär gar nicht um meine Behinderung, sondern um den allgemeinen Stempel des Opfers, den jeder von solchen dummen Menschen aufgedrückt bekommt, der einer Minderheit angehört. Würde ich Merkmale, die meine Religion oder ethnische Herkunft verraten, nach außen tragen, wäre ich wohl ebenfalls Opfer irgendwelcher Beleidigungen dieser beiden Männer geworden. Das macht die Sache nicht besser, aber irgendwie erträglicher.

Ich muss das jetzt erstmal für mich verarbeiten.