Das ist Manfred, mein Rollstuhl. Manfred ist jetzt neun Jahre alt. Das sind 90 Jahre in Menschenleben. In all diesen Jahren hat Manfred viel mitgemacht. Er hat mich in fremde Länder gebracht, über das hubbeligste Straßenpflaster getragen und sich von meinem Hanbike mit 30 Sachen durch Berlin ziehen lassen.

Foto: Schall & Schnabel

Anforderungen an einen neuen Manfred

Jetzt wird das Stöhnen, Knacken und Ächzen lauter. Manfred kann nicht mehr. Wohlverdient soll sich Manfred nun zur Ruhe setzen, in der Sonne stehen und Ölbäder genießen. Ein*e Nachfolger*in muss her! Doch was macht meine Krankenkasse? Die sagt, dass Manfred, ein Sopur- Helium, Baujahr 2008, noch arbeiten soll und schlägt mir als Nachfolger*in Zweite-Klasse-Modelle, wie einen „Kevin-Pascal“ oder eine „Jaqueline-Cheyenne“ vor. Modelle, die meinen Bedürfnissen und körperlichen Ansprüchen niemals gerecht werden könnten und mich in meiner Selbständigkeit einschränken werden.

Seit Dezember 2016 kämpfe ich um einen neuen Rollstuhl mit meiner Krankenkasse. Das ist sehr beschämend, weil ich in die Situation gepresst werde, mich für meine Behinderung und all die Bedürfnisse die dahinter stecken, rechtfertigen zu müssen. Ich erkläre mir fremden Menschen, warum ich einen neuen Rollstuhl benötige und welche medizinischen Anforderungen ich an ihn stelle. Dabei geht es nicht um Highlights, wie ein Rückenbezug aus Leopardenfell oder integrierter Handyladestation. Es geht um einen leichten, wendigen Rahmen und ergonomischen Sitz. Grundvoraussetzungen, die ich an einen fahrbaren Untersatz stellen muss.

Der Deal mit bitterem Beigeschmack

Die Krankenkasse hat meinen Antrag im Februar 2017 an die Sachbearbeiter*innen des MDK (Medizinischer Dienst der Krankenkassen) weitergereicht, um zu überprüfen, welches Rollstuhlmodell gut für mich wäre. Das beurteilt der MDK nicht durch ein persönliches Kennenlernen, um sich ein sozialmedizinisches Bild der*des Antragsteller*in zu machen, sondern verlautet das Urteil via Ferndiagnose. Das fühlt sich dann in etwa so an, als wenn man nach einem harten Gladiatorenkampf im Kolosseum auf Cäsars Daumen wartet. Leben, oder sterben. Rollstuhl, oder kein Rollstuhl.

Foto: Schall & Schnabel

Seit Februar 2017 ging ich im Dreiwochen-Rhythmus nach jeder erneuten Ablehnung des MDK nach meines ersten Widerspruchs, erneut in Widerspruch. Bis mich im Juli 2017 der Sachbearbeiter meiner Krankenkasse durchs Telefon anschrie: „Fräu Gählhaar, sö kann das nüsch weitergähn! Wie oft wollense denn noch in dän Widerspruch gähn?!“ Und ich ruhig erwiderte: „So oft bis ich den Rollstuhl bekomme, wie ich ihn brauche und haben möchte.“, „Na güt, Fräu Gählhaar, dann schlag ich Ihnen jätzt einen Deal vor!“, beruhigte sich der Mann am Telefon und schlug mir einen Deal vor.

Der Deal sagt, dass ich mir einen Kostenvoranschlag für das Zweite-Klasse-Modell „Kevin-Pascal“ einhole und die Differenz zwischen Kevin-Pascal und den von mir gewünschten Rollstuhl selbst trage. Die Differenz beläuft sich auf 1.850€.

Ich habe mich für einen Rollstuhl entschieden, der all meine Bedürfnisse abdeckt und in Handhabung und Sitzposition optimal für mich ist. Der Weg bis hierin hat mich viele Nerven und neue graue Härchen gekostet. Die Verzweiflung und regelmäßigen Wutausbrüche habe ich bewusst in meinen eigenen vier Wänden gehalten. Ich kann seither sehr gut nachvollziehen, dass sich viele Kund*innen der Krankenkassen während eines solch persönlichen Kampfes um das Bewahren oder Erlangen der eigenen Selbständigkeit irgendwann zurückziehen, weil die Kraft irgendwann schwindet. Auch ich hatte zahlreiche Momente, in denen ich kurz vor der absoluten Resignation stand. Es kostet Zeit und Energie und sogar Geld, sich immer wieder aufzuraffen und gegen die langsamen und begriffsstutzigen Mühlen der Krankenkassen anzukämpfen.

Ich freue mich auf meinen neuen Rollstuhl. Und auch wenn der bittere Beigeschmack von Kampfeswut, Verzweiflung und finanziellem Ruin noch immer auf der Zunge liegt, am Ende sitze ich auf Manfreds Nachfolger*in und brettere über die Straßen von Berlin.

 

Ich bedanke mich bei David Lebuser, der mir wertvolle Tipps zum Gegenargumentieren jeglicher Ablehnungen gab.

Update: Frau Gehlhaar ist umgezogen! Hier passiert noch einiges in der Designwerkstatt. Kleine Fehler müssen behoben, Schönheits-OPs vorgenommen werden. Bitte haben Sie noch ein paar Tage Geduld!