Wider meiner Natur bin ich letzte Woche um 4:30 Uhr aufgestanden, um die Frühsendung im Deutschlandfunk Kultur mit zu moderieren. Zusammen mit Liane von Billerbeck saß ich von 7:00 bis 9:00 Uhr in Studio 9 und habe zum Thementag „Behinderung? Enthinderung! Zwischen Inklusion und Avantgarde“ Einblicke in meinen Alltag gegeben. Die zwei Stunden Radio habe ich, wie schon die vielen anderen Stunden „On Air“, sehr genossen. Und auch wenn ich scheiße nervös war, begleitete mich mit dem Radiomikrofon vor meinem Gesicht eine wohlige Ruhe und Zufriedenheit mit mir selbst. In den zwei Stunden habe ich Themen anmoderiert, wie das politische Feuilleton mit Peter Glaser und ein Interview mit Carina Kühne geführt, indem die Bloggerin und Aktivistin aus ihrem Leben mit Trisomie 21 erzählte.
Und dann kam eine Frage, die mich noch weit über den Radio-Morgen hinaus beschäftigte. „Was macht Sie wütend?“, fragte mich Liane von Billerbeck nachdem ich erzählte, warum mir der Kontakt zu anderen Behinderten so gut tut und wie sich daraus eine Art Kampfeslust entwickelte.

 

Die Wut sitzt tief

Jede*r kennt das Gefühl von Wut. Man gerät in eine Streitsituation, in der man wütend auf seinen/ihren Gegenüber ist. Vielleicht wurde man beleidigt oder fühlt sich ungerecht behandelt. Man kann wütend auf sich selbst sein, wenn z.B. den Zug zu einem wichtigen Termin verpasst hat, weil man morgens zu lange rumgetrödelt hat. Es gibt wohl etliche Situationen, die eine*n bis aufs Blut brodeln lassen können. Meistens legt sich die Wut bald wieder oder verschwindet ganz einfach so schnell, wie sie gekommen ist. Auch ich kenne diese ätzenden Momente von Wut und Zorn und Verzweiflung. Genauso kenne ich aber auch das Verzeihen – anderen gegenüber und mir selbst. Ich kann die Dinge schnell abhaken, die mich vorab wütend gemacht haben. Nur bei einer Sache kann ich die Wut nicht ablegen.

In mir hat sich eine Grund-Wut eingerichtet. Eine kleine, stramme Frau mit feuerroten Haaren. In einer Rüstung sitzt sie ständig und kampfbereit auf einem Katapult, bereit, das Seil mit ihrem Schwert zu kappen und loszupreschen. Gewachsen ist sie aus Verständnislosigkeit. Ausgrenzung, Ungerechtigkeit und Diskriminierung ernähren und treiben sie zu Höchstleistungen an.

 

Am kürzeren Hebel sitzen

Wenn man von der Gesellschaft als behindert markiert wurde, sitzt man am kürzeren Hebel. Das macht wütend. Vor allem, wenn Menschen konsequenterweise am längeren Hebel sitzen, die so wenig Ahnung von Behinderung oder das Leben mit Behinderung haben, wie ein Stück Brot. Menschen, die keine Ausgrenzung oder andere Arten von Diskriminierung kennen, weil sie überwiegend weiß, männlich, hetero, nichtbehindert und im Idealfall christlich sind. Politiker*innen, die es bis heute nicht verstanden haben, dass es ihre Aufgabe ist, für gleichwertige Lebensverhältnisse zu sorgen, die UN-Behindertenrechtskonvention nicht umsetzen und behinderte Menschen lieber in der zweiten Klasse um ihre lebenswichtigen Rechte betteln lassen, aus Angst, sie müssten sich in ihren Wirtschaftsinteressen einschränken.* Diese Menschen reden gerne über Inklusion (außer während der vergangenen Bundestagswahlen, versteht sich) und verteilen hübsche Inklusionsfähnchen an Unternehmen, sodass jede*r mal kurz „was mit Inklusion“ zu tun haben darf. Wenn es jedoch ernst wird und die aktive Umsetzung der UN-Menschenrechtskonvention für Behinderte droht, versteckt man sich lieber schnell und vor allem unauffällig hinter diesem Inklusionsfähnchen – vor allem vor den wütenden und fordernden Behinderten.

 

Von Wut zu neuen Möglichkeiten

Und dann steht** man wieder da, hat für sich und andere gekämpft und muss sogar noch aufpassen, dass sich die Dinge nicht zurück entwickeln. Das tut mir sehr weh, weil man viel unternimmt und kämpft und laut ist und das sehr viel Kraft kostet. Und dann sitzen aber andere Menschen am längeren Hebel und bestimmen über dein Leben, so wie du es zu führen hast, mit deiner Behinderung. Gar nicht mal aus Ablehnung von Menschen mit Behinderungen, sondern rein aus wirtschaftlichem Interessen der eigenen Klientel. Das ist sehr anstrengend und hält die Grund-Wut der kleinen, kämpfenden Frau in mir auf einem konstanten Pegel.

Apropros Pegel: Die Wut sollte man nicht in Alkohol ertränken.*** Das wäre zu schade, hat sie doch auch einen guten Nutzen: Sie lässt eine*n nicht aufgeben und immer weiterkämpfen. Sie treibt mich an, kreativ zu werden und nach Lösungen zu suchen.
Jetzt hatte ich die Möglichkeit, im Radio zu moderieren und auf politische Missstände aufmerksam zu machen. Und ich war nicht die Einzige. Sebastian Urbanski, Raul Krauthausen und Patrizia Carl haben an diesem Thementag über ihre Arbeit, Meinungen und Forderungen gesprochen.

Und ich habe die Zeit angesagt. Damit habe ich alles erreicht im Leben.

*übergibt sich über ihren Laptop
**oder sitzt. Viele Behinderte sitzen ja.
***doch, manchmal schon