Großstadt

Jahresrückblick 2017

Besser schlecht getanzt, als inspirierend – wenn der Rollstuhl zu Hause bleibt

Manchmal erfülle auch ich ein altbekanntes Klischee, was man über Rollstuhlfahrer*innen so hört: Ich schaue stundenlang aus dem Fenster.

— 12. Oktober 2014

Und während ich das tue, sehe ich eine Frau, die langsam ihren eigenen Rollstuhl vor sich her schiebt und einige Zeit später jemandem in einem Batman-Kostüm. Die Zeit am Fenster ist nicht umsonst, denn kurz darauf ist diese Geschichte entstanden.


»Wie heißen Sie?«, fragt die Frau mit goldener Brille. »Ich bin die Laura! Laura Gehlhaar!«, »Und was können Sie?«, »Ich kann singen! Und ich habe fünf Jahre Ballett getanzt!«, antworte ich, tanze eine Pirouette und singe bis in die fünfte Oktave. »Aha.« Die Frau mustert mich unbeeindruckt. Ihre offensichtlich langen Haare sind zu einem strengen Dutt geformt. Sie zieht ihre Brille ungläubig nach unten und presst hervor: »Warten Sie in Bereich A. A heißt Anfänger.«

Viele singen und tanzen sich warm, während sie darauf warten, aufgerufen zu werden. Der ein oder andere hatte sicherlich mehr als fünf Jahre Ballett getanzt und kann bis in die sechste oder siebte, vielleicht sogar achte Oktave singen. Ich sehe an mir hinunter. Ich hatte mir extra neue Ballettschuhe gekauft. Die alten waren schon ganz löchrig getanzt.

Foto: Jule Müller

Jemand rempelt mich von der Seite an. »Ey hallo?! Remple mich nicht so von der Seite an!«, »Ich remple nicht! Ich tanze!«, raunzt mich ein großer, dunkelhaariger Typ an. Warum ist Ben Affleck hier, wundere ich mich. Er sollte doch Batman im neuen Batmanfilm spielen?! »Warum bist du hier? Du spielst doch Batman im neuen Batmanfilm!«, frage ich Ben. Bens Augen verengen sich. Beleidigt und provokant fragt er zurück: »Und was hast du hier verloren?«

»Ich kann singen! Und ich habe fünf Jahre Ballett getanzt!«, erzähle ich stolz, mache eine Pirouette und singe bis in die fünfte Oktave. »Und mehr kannst du nicht?«, fragt Ben unbeeindruckt. Ich überlege kurz. »Ich kann noch Rollstuhlfahren! Aber ich habe meinen Rollstuhl zu Hause vergessen«, sage ich, während ich mein Bein über meinem Kopf an die Marmorsäule zum Dehnen drücke, auch um Ben zu zeigen, wie gelenkig ich bin. Meine Stirn presse ich an mein Knie. »Tja, blöd«, stellt Ben fest. »Heutzutage musst du dich im Showbusiness von den anderen abheben! Ich habe z.B. immer mein Batman-Kostüm dabei.«

Ich denke darüber nach. Vielleicht wäre es wirklich klug gewesen, meinen Rollstuhl mitzunehmen. Vielleicht wäre dann die strenge Frau mit strengem Blick und strengem Dutt weniger streng gewesen. Vielleicht wäre sie dann sogar beeindruckt gewesen, hätte mir gesagt, wie toll sie mich findet und dass ich eine wahre Inspiration sei. Und dann hätte sie mich nicht in den Bereich A für Anfänger geschickt, sondern in den Bereich I für Inspirierend.

Ben guckt mir beim Denken zu und schaut mit verschränkten Armen triumphierend auf mich hinunter.

Foto: Jule Müller

Ich bin fertig mit Denken, gucke Ben an und sage: »Nö. Hätte ich den Rollstuhl dabei, hätte ich keine Pirouette tanzen und nicht in die fünfte Oktave singen müssen. Dann hätte ich mich für nichts anstrengen müssen und die Frau mit Dutt wäre nicht streng zu mir gewesen. Ich wäre für alle die Inspiration oder die Tapfere gewesen, die trotz Rollstuhl irgendwie versucht zu tanzen. Aber ich will nach Leistung beurteilt werden und nicht nach meinem Rollstuhl.«

Ben zieht sich sein Batman-Kostüm über und tanzt eine Pirouette. Während der Drehung weht mir sein Cape ins Gesicht. »Und? Wie war die?«, will Ben von mir wissen. »Keine Ahnung. Ich konnte nichts sehen. Dein Cape hing in meinem Gesicht.«

»Laura! Laura Gehlhaar!«, ruft eine Frau mit Tütü durch den Saal.

»Viel Glück. Trotzdem«, wünscht mir Ben.

Ich wünsche ihm auch viel Glück und tanze auf Zehenspitzen zum Bereich A.

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