Die vor dem Wolf singt

Textsicher bewege ich meine Lippen zu Celine Dions »The power of love«. Ich lehne mich entspannt in den Sitz des ICEs, der mich zurück nach Berlin bringt. Als die Dion ihr »Looooove« im großen Finale in der vierten Oktave schmettert, strecke ich meine geballte Faust voller Inbrunst in die Luft.

— 26. Mai 2015

Völlig unbeeindruckt von unserer Gesangskunst zieht draußen die Welt vorbei. Die Seile der Strommasten hängen traurig über grünen und braunen Feldern. Mein Blick erfasst einen Hasen hinter einem halbhohen Busch. Dann ein Reh, mitten auf einem gep ügten Acker. Ich sehe eine Kuh auf einer grünen Wiese, zufrieden wiederkäuend. Und dann, aus den Augenwinkeln, erhasche ich einen Blick auf einen Wolf, nur einen kurzen Wimpernschlag lang.

Oh mein Gott!

Ich bin ganz sicher – da war gerade ein grauer, großer Wolf! Kerzengerade sitze ich in meinem Sitz, ziehe hektisch die Luft ein, reiße mir die Dion aus den Ohren und rufe: »Ein Wolf! Da war ein Wolf!!« Bekräftigend drücke ich meinen Zeigefinger gegen die Scheibe und starre den Fahrgast zwei Sitze neben mir mit weit aufgerissenen Augen an. Der alte Mann schaut irritiert zu mir rüber.

»Da war ein Wolf! Ich schwöre!«, quietsche ich aufgeregt und bis zu den Haarwurzeln vollgepumpt mit Adrenalin, grad so, als ob der Wolf direkt vor mir gestanden hätte. Der Mann schüttelt verständnislos den Kopf und dreht sich entnervt weg. Klar, er hat den Wolf ja nicht gesehen! Scheiße!, denke ich. Jetzt glaubt mir das keiner!

Die Felder von Brandenburg fliegen weiter am Fenster vorbei. Ich bin fast zuhause. Der nächste Halt ist schon Berlin Spandau. Ein kalter Schauer läuft mir den Rücken hinunter. Wie schnell kann so ein Wolf eigentlich rennen?, schießt es mir durch den Kopf. Und wie verhalte ich mich, wenn ein sehr großer und sehr böser Wolf vor mir steht? Vielleicht hänge ich mich heute mal ein bisschen mehr in die Räder, wenn ich den letzten Weg vom Ostbahnhof zu Fuß nach Hause rolle. Sicher ist sicher. Ich schüttle mich und reibe mir mit den Händen über meine Oberschenkel. Es ist auf einmal kalt im Zug.

Ich gebe es zu – ich habe Angst vor Wölfen, furchtbare Angst sogar. Ich habe Angst vor allem, was mich beißen und zerfetzen könnte. Am allermeisten habe ich Angst vor Haien. Ich bin diejenige, die in einem Schwimmbad mit glasklarem Wasser und gut sichtbarem Betonboden jeden Moment damit rechnet, dass plötzlich ein Hai aus der Tiefe hochschießt, sich in ihre Beine beißt und sie bei lebendigem Leib auffrisst. Ich habe vor nichts auf der Welt mehr Angst, als lebendig aufgefressen zu werden. Es ist meine Nummer eins der aller-, allerschlimmsten Schreckensvorstellungen.

Als Kind hockte ich fasziniert und vor Angst bibbernd vor dem Fernseher und schaute »Der weiße Hai«. Danach ging ich nicht mehr alleine in unseren 1,70 m tiefen Pool im Garten. Wenn ich heute im Meer bade, stehe ich regelmäßig kurz vor einem Herzinfarkt. Ich bin hin- und hergerissen zwischen Pest oder Cholera: Soll ich kräftig schwimmen, damit ich nicht untergehe und ertrinke (was jedoch die Chance massiv erhöht, von einem Hai angegriffen, zerfleischt und gefressen zu werden)? Oder soll ich lieber, so weit es in meiner Möglichkeit steht, die Beine anziehen, damit nur ja kein Hai durch das Gestrampel auf mich aufmerksam wird (was aber wiederum zur Folge hat, dass ich untergehe wie ein Stein und irgendwann absaufe)? Es ist ein ewiges Dilemma und dementsprechend vermeide ich Wasser, das tiefer ist als eine Pfütze.

»Nächster Halt: Berlin Ostbahnhof«, meldet sich knisternd die Zugführerin.

Wie eine kugelsichere Weste schnalle ich mir meine Tasche um, wickle mein Tuch fest um den Hals und setze mich todesmutig zurück in den Rollstuhl. Ich stoße die angehaltene Luft aus und versuche, mich zu beruhigen. Draußen ist es dunkel geworden und mein Gesicht spiegelt sich im Zugfenster. Ich sehe blass aus. Irgendwo hab’ ich mal gehört, dass es von Vorteil ist, wenn man größer ist als der Wolf. Prüfend betrachte ich mein Spiegelbild. Wenn ein Wolf vor mir steht, wäre ich, selbst in meinem Rollstuhl, immer noch größer als er. Das ist doch schon mal gut. Und man soll Lärm machen, um ihn zu verschrecken. Das ist eine meiner leichtesten Übungen, denke ich, mich selber ermutigend.

Ich steige aus dem Zug und schlängle mich durch die Menschenmenge im Bahnhof. Draußen angekommen, stecke ich mir die Dion zurück in meine Ohren. In einem Mordstempo fahre ich, meine Lieblingssongs in die Nacht brüllend, nach Hause. Kein einziges wildes Tier traut sich in meine Nähe. 

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