Monatszyklus

Frau Gehlhaars Monatszyklus – Januar 2015 mit Sex, Löwenkostüm und einem Preis

Mit kleiner Verzögerung kommt nun mein Monatszyklus – Januar 2015. Es war ein guter, fruchtbarer Monat. Nein, ich bin nicht schwanger, sondern trage lediglich viel Arbeit und neue Ideen mit mir herum.

— 08. Februar 2015

Monatshighlight

Ich liebe Geburtstage. Besonders meinen eigenen. Der war am 8. Januar und machte mich 28 Jahre und ein paar zusätzliche Monate alt. Gefeirt habe ich mit alten (=langjährigen) und neuen Freunden, Arbeitskollegen und einem Baby, Ava Linh, unser jüngster Sozialheldenzuwachs. Die ganze Sause über steckte ich in einem Löwenkostüm. Warum, weiß ich nicht.
Ich mag meinen Geburtstag deshalb so gerne, weil das neue Lebensjahr, ähnlich wie Silvester, ein Anlass ist, über Altes nachzudenken und Neues zu kreieren. Ich bin dankbar, gute und lustige Menschen um mich zu wissen, die mich schon so lange Zeit begleiten, unterstützen, kritisieren und zum lauten lachen bringen.

Foto: Andi Weiland

Wenn ich schon keinen Sex habe, rede ich einfach darüber und gab am 6. Februar ein Radiointerview bei DRadiowissen. Es war mir mal wieder eine Ehre, in der Sendung Eine Stunde Liebe bei DRadiowissen dabei sein zu dürfen und aus meinem (Sex)Leben zu erzählen. Und so ging es um Liebe, Vorurteile, Frustrationshintergründe und natürlich um guten Sex. Ein ausführlicher Text zu diesem Thema folgt sehr bald hier bei Frau Gehlhaar.

Dank meines Gesprächspartners, dem Moderator Till Opitz, hatte ich eine wunderschöne und lustige Stunde Liebe. Gerade bei einem sensiblem Thema, wie Sexualität und Behinderung ist es wichtig, sich wohl und sicher zu fühlen. Und während ich meinen großen Spaß an diesem Interview hatte, hat die Onlineredaktion etwas versagt, indem sie ein sehr bescheuertes Titelbild ausgewählt hat. Ein Titelbild, wo eine offensichtlich nicht behinderte Frau in einem viel zu großen Dritte-Welt-Rollstuhl sitzt und das typische Arme-in-die-Luft-vor-Lebensfreude-Bild gibt. Das Bild wirkt passiv und unnatürlich und trägt zum Bild des selbstbestimmten und aktiven Menschen mit Behinderung nicht bei.
Meinen Wunsch, das Bild zu ändern, sowie die alternativen Bildvorschläge von meiner Seite lehnte die Onlineredaktion ab.

Nach meinem Interview bei DRadiowissen gab es von Seiten der Zuhörer den Wunsch, das Thema Sexualität und geistige Behinderungen aufzugreifen und der Öffentlichkeit näher zu bringen. Über dieses Interesse habe ich mich sehr gefreut und fand es um so schöner, dass Till Opitz und seine Kollegin, Inga Hinnenkamp, diesem Wunsch nachgekommen sind und eine weitere Sendung Eine Stunde Liebe mit dem Titel Sex mit geistig Behinderten – Es ist kompliziert gestartet haben.
Aber auch hier muss meine Stimme etwas lauter werden, da ich weder den Titel, noch das Titelbild ansprechend, und schon gar nicht sexy finde. Wie wäre es mit Sex mit geistig Behinderten – Es ist kompliziert, aber machbar oder etwas provokanter Sex kann jeder, aber nicht alle dürfen gewesen? Ich finde es, wie gesagt, große klasse, dass man sich diesen Themen öffentlich widmet, hätte mir aber mehr Sensibilität oder zumindest die Bereitschaft dafür, von der Redaktion gewünscht.

Dass Sexualität in Kombination mit Behinderung immer noch ein gesellschaftliches Tabu ist, finde ich traurig. Und dabei verbinde ich das noch nicht mal mit meiner eigenen Person, sondern vielmehr mit Menschen, die eine Lernbehinderung oder andere kognitive Einschränkungen haben. In der ganzen Diskussion um Inklusion, Gleichberechtigung und Chancengleichheit scheinen geistig behinderte Leute unterzugehen. Es wird zwar viel über sie diskutiert, aber nur selten mit ihnen. Und genau da ist der Schnittpunkt, wenn es auch um Sexualität geht. Menschen, die aufgrund ihrer Behinderung in Wohngruppen oder Heimen leben, wird das Recht, welches eins der Grundrechte ausmacht, nämlich die Entfaltung und Entwicklung der eigenen Sexualität, oft verwehrt, oder kommen erst gar nicht in den Genuss, ihren sexuellen Horizont zu erforschen und zu erweitern, weil ihnen Aufklärung und Angebote fehlen oder ganz einfach vorenthalten werden. Sexualität ist in keinem Menschen einfach da. Sie muss entdeckt, erforscht, kommuniziert und entwickelt werden. Und das kann nun mal nur geschehen, wenn und während man sie auslebt. 

»Alle Menschen (auch die mit geistiger Behinderung) können ihre Persönlichkeit dann am besten ausbilden, wenn die sexuellen Fähigkeiten von Geburt an unterstützt und gefördert werden. Dazu ist eine besondere Begleitung erforderlich, denn die Sexualität ist nicht angeboren und entwickelt sich nicht von selbst.« schreibt auch pro familia, der führende Verband zu Sexualität, Partnerschaft und Familienplanung in Deutschland.

Monatsfacts

In letzter Zeit wurde ich von Lesern und Leserinnen oft gefragt, was ich genau beruflich mache und wie mein Alltag so aussähe.
Seit Januar 2014 arbeite ich selbständig. Ich habe keinen festen Arbeitgeber und keine festen Arbeitszeiten. Ich habe mich damals bewusst zu diesem Schritt entschieden und bin sehr glücklich damit. Der Druck von Arbeitgebern und Deadlines ist weniger geworden, da ich jetzt selbst entscheide, wer mein Arbeitgeber sein soll und mir die Deadlines selbst setze. Somit kann ich mich mehr meinen Leidenschaften widmen: Coachen, schreiben und Vorträge halten.

Es ist lustig, denn immer, wenn ich erzähle, dass ich coache, bekomme ich Reaktionen, wie »Oh, cool! Welche Mannschaft denn?« oder ein unglaubwürdiges »Aha. Und was machst du da?«. Meine Antwort ist stets: Coaching bezeichnet eine Vielzahl von Trainings- und Beratungskonzepten zur Entwicklung und Umsetzung persönlicher oder beruflicher Ziele und der dazu notwendigen Kompetenzen, wie z.B. Führungs-, Umsetzungs- oder Selbstmanagementkompetenzen.

Nach meiner Arbeitszeit in der Psychiatrie und meiner Weiterbildung zur Mediatorin und Coach, zähle ich inzwischen durchschnittlich vier bis fünf Leute pro Jahresquartal, die zu mir zum coachen kommen.
Der Begriff des Coaching im psychisch/sozialen Bereich ist noch immer kein geschützter Begriff. Es gibt somit keine staatlich anerkannte Ausbildung oder wissenschaftlich fundierte Qualitätsstandards für diese Tätigkeit. Das wiederum ist ein großes Problem, wenn es um finanzielle Unterstützung oder Kostenübernahme von z.B. Krankenkassen geht. Solange es keine staatliche Anerkennung gibt, müssen meine Klienten für ihre Coachingsessions selbst zahlen.

Auch ich hatte mich Ende 2013 für ein Intensivcoaching von vier Stunden entschieden und habe dabei entdeckt, dass ich mich selbständig machen möchte und dafür einen Karriereplan zusammen mit meinem Coach erstellt. Nach der Session war ich platt und habe erstmal geheult. Denn während dieser vier intensiven Stunden fährt der Kopf auf Höchstleistung. Man reflektiert sein Denken und Handeln, spricht seine Wünsche aus und reaktiviert die Fähigkeiten, die zu diesem Zeitpunkt dringend gebraucht wurden. Alles war auf einmal so klar und zum Greifen nah.

Und genau das, was viele andere als die größte Schwierigkeit in der Selbständigkeit sehen, empfinde ich als größtes Glück: Ich bin mein eigener Boss! Ich entscheide, wann, wo und wie ich arbeite. Das hat einen großen Einfluss auf mein Selbstbewusstsein gehabt. Ich empfinde weniger Selbstzweifel, was meine Arbeit betrifft und frage immer dann nach Feedback und Kritik, wenn ich entscheide, dass das mir und meiner Arbeit jetzt gut täte. Konstruktives Feedback bekomme ich vor allem von meinen Kollegen der Sozialhelden, wo ich als freie Mitarbeiterin tätig bin, mitverantwortlich für die Redaktion von Leidmedien bin, Workshops gebe und Vorträge halte.

Meine größte Herausforderung liegt darin, mich selbst zu disziplinieren und morgens den müden Schweinehund zu überwinden, um ans Werk zu gehen. Und dann ist da noch der Umgang mit der Einsamkeit. Schreiben macht einsam. Ich sitze an meinem Mac und bin alleine. Natürlich treffe ich Freunde, gehe aus oder erledige meine alltäglichen Dinge, wie Einkaufen, Sport oder Physiotherapie. Aber tagsüber verbringe ich allein und nur mit meinen Texten. Ich habe noch nicht einmal eine Muschi (Katze), obwohl ich bei Twitter bin.

Vor ein paar Tagen traf ich meinen Nachbarn in der Tiefgarage. Er fragte, wie es mir so geht. Ich antwortete, dass ich gerade sehr viel schreiben muss und mich diese Arbeit etwas einsam macht. Am Abend klingelte mein Nachbar an der Tür. Er fragte, ob wir zusammen nach Mitte joggen wollen. Dann sind wir zusammen nach Mitte gejoggt. Dick eingepackt, zwei Stunden lang.
Mein Nachbar wollte mir was Gutes tun. Ich glaube, das waren die schönsten zwei Stunden seit Wochen.

Monatsgewinn

»Laura? Sitzt du?!«, schrieb mir eine der lustigsten Twitterkolleginnen. »Ja, moment. Ich brauche sowieso gerade ne Pause vom Joggen. Schieß los!«, »Hier. Lies.« Ich klickte auf den Link und freute mich über meine erste Nominierung der Goldenen Blogger 2014 in der Kategorie Bestes Tagebuchblog 2014. »Geil.«, antwortete ich, kaufte mir salziges Popcorn und warf mich am Abend mit Laptop auf die Heizdecke im Bett, um den Livestream der Verleihung zu verfolgen.

Noch vor der Bekanntgabe des Gewinners der ersten Kategorie forderte die schlechte Qualität der Live-Übertragung jegliche Konzentration, sodass mich nur noch die in regelmäßigen Abständen eingehenden, hysterischen whatsapps von Mareice, die ebenfalls nominiert war, wach und bei guter Stimmung hielten.

Ich wurde zweite, schniefte mir die mit Mühe hineingesetzten Popcornstücke aus der Nase, weil yolo, freute mich, twitterte darüber und schlief ein.

Herzlichen Glückwunsch an Patricia von dasnuf, die Gewinnerin der Kategorie Bestes Tagebuchblog!

Vielen Dank für meine erste Nominierung, lieber Herr Fiene. Ich wäre vor Freude fast, aber auch nur fast, aus dem Rollstuhl gesprungen. Meine tollen Leserinnen und Leser, danke fürs Abstimmen und Beglückwünschen!

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