Großstadt

Herzensbruch

»Aus welchem Heim kommen Sie denn jetzt?«, fragt mich der alte Mann mit Hornbrille und schneeweißen, nach hinten gegelten Haaren.

— 22. Juli 2014

Er beugt sich über mich, zieht mit Daumen und Zeige nger erst das eine, dann das andere Auge auseinander und leuchtet mir mit seinem Lichtstab mitten hinein. Meine Pupillen verengen sich. Ein gutes Zeichen. Sein Prof.- Dr.-Hahnenkamp-Finkh-Schild baumelt vor meinem Gesicht herum.

»Fragen Sie auch jeden dunkelhäutigen Mitbürger, wo er ursprünglich herkommt?!«, presse ich mit der allerletzten Schlagfertigkeit, die mein gebrochener Schädel noch zusammensetzen kann, hervor. Der Geruch von Desinfektionsmittel vermischt sich mit dem Geschmack von Eisen in meinem Mund.

»Nana, Sie müssen mir die Frage schon zugestehen. Die meisten Rollstuhlfahrer leben doch in Heimen.« Sein besserwisserischer Blick streift die beiden jüngeren Ärzte, die in gebührendem Abstand hinter ihm stehen und erlaubt keinerlei Zweifel an seiner Aussage. Die beiden Assistenzärzte nicken brav.

Gerne hätte ich Prof. Dr. Hahnenkamp-Finkh jetzt aufgeklärt, ihm von meinem Leben erzählt. Dass niemand von meinen rollstuhlfahrenden Freunden in irgendwelchen Heimen wohnt. Dass ich selbstständig in meiner Wohnung lebe, mir den Müllbeutel an meinen Rollstuhl binde und ihn hinter mir her zum Müllraum schleife, um ihn dort zu entsorgen. Dass ich mir für meinen Haushalt Hilfe ins Haus hole; nicht, weil ich hilflos bin, sondern weil ich mir dadurch meine Selbstständigkeit bewahre. Ich hätte ihm gerne erzählt, dass ich fünf Tage die Woche arbeiten gehe, meine Steuern und meine Krankenversicherung zahle und Freunde treffe.

Ich hätte dem alten Mann in seinem weißen Kittel erzählt, wie mich Ben vor zwei Wochen mitten in der Nacht weckte und mich zu einem Picknick an die Spree entführte, mich auf den Arm nahm und die Böschung runtertrug. Wie wir am Ufer knutschten und fummelten.

Ich hätte dem Herrn Professor erzählt, dass ich für Ben seit Monaten meine Arbeit vernachlässigte. Dabei liebe ich meine Arbeit. Aber Ben liebte ich mehr. Ich hätte erzählt, wie wir abends die Dialoge von Shakespeare’s »Romeo und Julia« rezitierten. Auf sächsisch. Er war Romeo, ich war Julia. Und wie dieser Mann es geschafft hatte, meinen Bauch anzufassen, ohne dass ich verkrampft und voller Scham die Luft anhielt. Wie er mir liebevoll wissend erklärte, dass ich mich endlich trauen solle, mich hinzugeben und alles loszulassen. Manche Dinge muss man mir erklären. Auch wenn ich alles weiß. Aber um ganz sicher zu sein, dass ich hier bei ihm auch wirklich richtig war, ließ ich es mir gerne noch einmal sagen. Als ob solche Lippenbekenntnisse irgendeine rechtliche Absicherung bedeuten würden. Als ob es so eine Sicherheit in der Liebe überhaupt gäbe. Aber bei Ben fühlte ich mich sicher, immer. So redete ich es mir jedenfalls ein. Also machte ich mich verletzbar und ließ mich fallen, ohne Netz und doppelten Boden.

Und schließlich hätte ich diesem Professor gerne erzählt, wie mir Ben in nur einem einzigen Moment einige Nächte später mein Herz brach und wie ich daraufhin ins Bodenlose stürzte. Wie ich einige Tage später in einem Anfall von Frust zwei Monatsgehälter für sinnloses Online-Shopping auf den Kopf haute. In der naiven Hoffnung, dadurch etwas Trost zu finden. Wie es heute Morgen an meiner Tür klingelte und mir ein Riesenpaket voller Kleider und Tops in die Hände gedrückt wurde, die ich niemals anziehen würde, da sie mich nur an meinen dunkelsten Moment erinnern würden. Wie ich mich an der Haustür abstieß, weil ich keine Hand mehr zum Fahren frei hatte, nach hinten rollte, am Türrahmen hängen blieb und mich in hohem Bogen überschlug. Wie ich meinen Schädel auf dem harten Steinfußboden brechen hörte und wie sich mein Mund mit warmer Flüssigkeit füllte, die nach Eisen schmeckte. All das hätte ich dem alten Arzt mit seinem baumelnden Namensschildchen gerne erzählt und ihm dadurch veranschaulicht, wie ekelhaft normal mein Leben ist.

Stattdessen kotze ich ihm in der Notaufnahme vor die Füße. Quasi als Zusammenfassung.

Schädel-Hirn-Trauma mit Schädelfraktur und Hirnblutung ist die of zielle Diagnose. Gebrochenes Herz und Liebesschmerz werden nicht in die Krankenakte mit aufgenommen.

In meinem Einzelzimmer habe ich viel Zeit zum Nachdenken. Um mein gebrochenes Herz nicht weiter zu belasten, würde ich es mir so gerne ganz einfach machen und alles auf meine Behinderung schieben. Dann könnte ich jetzt einen Haken hinter die ganze Misere machen und mich in meiner Opferrolle gemütlich einrichten. Aber so einfach ist das nicht mit Ben.

Ben war anders. Er wollte immer alles über mich und meinen Körper wissen. Und ich erzählte es ihm. Ganz ohne Scham oder Angst davor, dass er mich für irgendetwas verurteilen oder mich weniger attraktiv nden könnte. Er nahm mich, so wie ich war und mochte mich nicht trotz meiner Behinderung, sondern mit ihr. »Die Einzige, die damit ein Problem zu haben scheint, bist du selbst«, sagte er mir und traf mich mit dieser Wahrheit hart ins Gesicht.

Er war der geduldigste Mann, den ich bis dahin kennengelernt und geliebt hatte. Ein hemmungsloser Rebell, der die Frage »Sind Sie der Betreuer?« der Kartenverkäuferin im Kino mit einem langen und innigen Zungenkuss beantwortete. Er hetzte mich nicht, wenn ich mir meine Zeit zum Anziehen nahm oder mit meiner besten Freundin telefonierte, während er danebensaß. Dann wirkte er oft abwesend, schaute an die Decke und streichelte gedankenverloren mit Zeige- und Mittelfinger über seine Schläfe.

Ben war einer dieser Menschen, die da sind, ohne wirklich bei einem zu sein. Wie ein glitschiger Fisch, den man nie richtig zu packen kriegt. »Ich habe Gefühle für dich. Sehr große sogar. Aber ich kann dir nicht sagen, was morgen ist. Ich glaube nicht an feste Beziehungen. Das hat nichts mit dir zu tun«, sagte er mir, als ich ihn nach dreimonatigem Liebe-Machen fragte, ob das mit uns eigentlich etwas Festes werden könnte. »Ich brauche Zeit«, gab er mir zu verstehen und ich wollte ihm die Zeit geben, wollte Geduld und Verständnis aufbringen. Seine Unnahbarkeit faszinierte mich. Es war meine kleine Herausforderung, ihn davon zu überzeugen, dass ich und nur ich allein die richtige Frau für ihn war. Die Frau, die ihn an die Hand nahm und seine Rastlosigkeit und innere Unruhe heilen konnte. Diese romantisch verklärte Illusion seine Retterin zu sein, der er, wenn er erst mal mit ihrer Hilfe zu einem besseren Menschen und Mann geworden war, vor Dankbarkeit ewige Treue schwören würde – was für eine gequirlte Scheiße!

Für dieses Trugbild nahm ich viel in Kauf, machte mich kleiner, als ich war, ließ mich demütigen und verpasste meinem sonst so geliebten Stolz schmerzhafte Kratzer. Wenn Ben, der mit meiner Behinderung so natürlich umging wie noch kein Mann zuvor, mich nicht will, dann wird mich niemand haben wollen. Mit diesem Mantra, das ich im Kopf ständig wiederholte, versuchte ich den Betrug gegenüber mir selbst zu rechtfertigen. Ich verkaufte mich unter meinem Wert. Und so beschämend es auch sein mag – manchmal hat es mir sogar gefallen.

Und während ich hier einsam vor mich hin liege in diesem weißen, unpersönlichen Zimmer und unter meinen Armen die Achselhaare immer länger werden und die Tränenspuren auf meinen Wangen niemals ganz abtrocknen, suche ich nach Antworten und quäle meinen erschütterten und entzweigebrochenen Kopf mit den ganzen Warum-Fragen: Warum hat er das getan? Und vor allem – warum habe ich zugelassen, dass er mich so behandelt? Wo war die starke Frau, die sich sonst nichts sagen lässt und mit Donner und Blitz gegen Ungerechtigkeiten kämpft?! Wo war diese Frau in dem Moment, als ich sie am allermeisten brauchte? Als ich mit angewinkelten Beinen, nackt und zitternd, bei ihm im Bett lag auf einmal eindeutige Geräusche mitbekam. Ich fragte mich: »Treibt er es gerade mit einer anderen Frau in der Küche?. Zwischen den schmutzigen Töpfen, den von uns am Vorabend benutzten Weingläsern?« Wo war die Frau, die entrüstet und wutentbrannt in die Küche rollt und ihn zur Rede stellt, anstatt ihre Schreie mit dem Teddy vor dem Mund im Keim zu ersticken? Wo war die Frau, die Ben ihre Trauer und Enttäuschung noch in derselben Nacht um die Ohren pfeffert und die ihm niemals am nächsten Morgen in besagter Küche wortlos gegenübersitzen würde, als sei ihre Welt noch heile?!

Jetzt liege ich hier allein in meinem Krankenhausbett. Ohne Ben, ohne Herz, ohne das Gefühl von Sicherheit. Meine Zimmertür wird aufgerissen, eine Krankenschwester eilt zu meinem Bett. »Machen Sie mal Ihre Beine auseinander.«

Ich nehme die Decke zur Seite, stelle resigniert fest, dass ich diese Aufforderung jetzt wohl länger nicht mehr zu hören bekommen werde und ziehe schmerzvoll die Luft ein, als mir die Schwester mit inken Fingern den Dauerkatheter herausreißt.

Und in diesem Moment, als mir der Druck von meinem Unterleib genommen wird, begreife ich, dass das nicht die einzige Last ist, die gerade von mir abfällt. Wenn man sich mit einer irrwitzigen Hoffnung und alle Zweifel ignorierend fest an jemanden klammert, obwohl man tief in sich weiß, dass es in einer Katastrophe enden wird, dass man sich einen in die Tasche lügt und man am Ende an dieser Person zerbrechen wird, dann wird das Leben zu einer ekelhaft süßlichen Qual.

Es kommt einer Befreiung gleich, wenn dieser suchtartige Zustand endlich vorbei ist und man in Einzelteilen am Boden liegt. Man steht nackt vor sich selbst, was erschütternd und tröstlich zugleich ist. Vielleicht musste ich erst hart auf den Kopf fallen, um zu verstehen, dass es wirklich Zeit wird, mir selber die Stange zu halten und selbstbewusst für meine Bedürfnisse einzustehen. Um endlich daran zu glauben, dass ich liebenswert bin und Glück und Liebe verdiene.

»Wie geht es Ihnen?«, fragt mich ein junger Arzt mit Hornbrille. »Gut«, lüge ich. »Ende der Woche dürfen Sie nach Hause.« Er setzt sich auf die Bettkante und lächelt mich ermutigend an. »Bei Ihrer Verletzung müssen Sie sich auf eine lange Genesung einstellen.«

Das war mir klar. Ich mache diesen Liebeskummer-Wahnsinn schließlich nicht zum ersten Mal mit.

 

Nachtrag: Der Text erschien in voller Länge in meinem Buch Kann man da noch was machen?

 

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