Inklusion

Inklusion einfordern – Konkurrenzkampf und Chancengleichheit

Den Status des besonderen Kindes hatte ich nie. Meine Behinderung wurde nie schöngeredet oder gar als besonders gesehen.

— 02. Oktober 2014

Mir wurde nie ins Ohr geflüstert, dass ich auserwählt wurde, dass mir meine Behinderung gegeben wurde, um im Leben eine höhere Aufgabe zu erfüllen. Sie war einfach da. Manchmal war das gut. Manchmal war das schlecht.

Hätte man mir ständig gesagt, dass ich aufgrund meiner Behinderung etwas ganz Besonderes bin, hätte ich mich mit diesem Status gemütlich zurückgelehnt, mir meine besonderen Füße massieren und meinen besonderen Hintern hinterhertragen lassen. Jeglicher wichtiger Konkurrenzkampf zwischen meinen Brüdern, Freunden und mir wäre wohl weggefallen. Es hätte ja auch gar keinen Sinn gemacht, sich mit mir zu duellieren. Hätte ich verloren, hätte mein Trostpreis natürlich mehr Wert gehabt, als der Hauptgewinn. Ganz einfach, weil ich das besondere Kind gewesen wäre. Was hätte das aber für Zeichen gesetzt bei dem, der den Hauptgewinn abgesahnt hat? Dass die eigene Leistung sofort an Wert verliert, wenn ein Behinderter im Spiel ist? Dass Behinderte immer toll sind, egal was sie machen?

Hätten mich meine Eltern aufgrund meiner Behinderung als besonders betitelt, wäre ich in unserer heutigen Leistungsgesellschaft ziemlich auf die Nase gefallen und hätte das sowieso schon schräge Bild eines passiven Behinderten nur noch verstärkt. Paradoxerweise bin ich im gesellschaftlichen Leben oft die einzige, die sich eben nicht als etwas Besonderes aufgrund der Behinderung sieht. Dann reagieren Menschen oft irritiert, wenn ich auf einmal laut werde und mich gehoben artikuliere, nicht die passive Behinderte bin, sondern aktiv für mich und meine Rechte einstehe. Ganz einfach, weil sie es von so jemandem wie mir nicht erwartet hätten.

Meine Mutter hat mich so erzogen, wie alle guten Mütter ihre Kinder erziehen: Zu einem eigenständigen Menschen. Das ist auch der Grund, warum ich mich gleichauf mit allen anderen sehe und überhaupt erst ein Bewusstsein für Gleichberechtigung entwickeln konnte.

»Musst du selbst wissen«

Ich kann mich nicht erinnern, jemals von meiner Mutter oder von meinem Vater gehört zu haben »das kannst du nicht«. Als Kind, Jugendliche und junge Erwachsene, also heute, hatte ich immer schon klare Vorstellungen von dem, was ich gerne tun möchte. Ich wollte Balletttanzen, also tanzte ich viele Jahre Ballett. Ich wollte meinen Führerschein machen, also machte ich meinen Führerschein. Ich wollte in die Niederlande zum Studieren ziehen, also zog ich in die Niederlande.
Natürlich waren da Zweifel und Sorgen, die jede Mutter hegt: Wie besorgst du dir einen Wasserkasten nach Hause? Was ist, wenn dein Auto mal liegen bleibt? Was willst du kochen? Aber vor allem war da ein starkes Vertrauen in meine Person und meine Ideen, welches mich schon durch mein ganzes Leben trägt.
Ich kenne heute 10 Möglichkeiten, wie man einen schweren Wasserkasten als Rollstuhlfahrerin nach Hause bekommt, ich habe die Nummer vom ADAC und ernähre mich sehr gesund.

Aufgrund meiner Behinderung muss ich einige Dinge anders organisieren und handhaben. Das fördert die Kreativität und Selbstreflexion und brachte mich sehr schnell zur Selbständigkeit.
Mit dem Begriff der Selbständigkeit meine ich jedoch nicht, dass man alles alleine bewältigen muss. Vielmehr ist es die Erkenntnis darüber, was man braucht und offen kommuniziert, wenn man dafür Unterstützung benötigt.

»Mein Kind geht aufs Gymnasium«

Ich ging aufs Gymnasium und war die ganzen Schuljahre bis hin zum Abitur das einzige Kind mit einer sichtbaren Behinderung. Die meisten meiner Lehrer waren schon sehr alt, hatten ihren Karrierehöhepunkt irgendwann in den 70er Jahren und waren im Umgang mit einer pubertierenden, vorlauten und rechthaberischen Göre, die dann auch noch eine Gehbehinderung hatte, total überfordert. Müssen wir jetzt besonders nett zu ihr sein? Dürfen wir ihr auch mal Grenzen zeigen? Einige Lehrer suchten Rat bei meiner Mutter und bekamen dann zu hören: »Sie behandeln mein Kind, wie jedes andere Kind: Wenn sie sich nicht benehmen kann, geben Sie ihr eins auf den Deckel.« Viele meiner Lehrer nahmen sich die Worte meiner Mutter zu Herzen, manche sogar zu sehr, und ich fühlte mich weder bevormundet, noch strenger behandelt. Das war ein gutes Gefühl, denn meine Behinderung spielte einfach keine Rolle mehr. Auch meine Klassenkameraden verstanden meine Behinderung als eine Eigenschaft, die einfach da war und zu mir gehörte. Und logischerweise galten für mich die gleichen Leistungsmaßstäbe, wie für jeden anderen auch. Leider auch in Mathe.

Heute weiß ich, dass es mir sehr gut tat, mich mit anderen Kindern ohne Behinderung zu messen. Ganz einfach, weil es mich auf das spätere normale Leben vorbereitet hat.
Jedoch ereigneten sich auch Situationen, in denen ich mehr Aufmerksamkeit und Unterstützung meiner Lehrer gebraucht hätte. Nämlich dann, als ich von anderen Kindern aus anderen Klassen aufgrund meines leichten Hinkens gehänselt wurde. Kinder können grausam sein. Das weiß ich, denn ich war auch mal ein Kind. Aber wenn dieses Kind aktiv um Hilfe fragt und vom Opfer zur Täterin gemacht wird, indem Lehrer ihr vorschlagen, aufgrund des Mobbings doch die Schule zu wechseln, findet weder Gleichberechtigung, noch Chancengleichheit statt. Warum sollte ich für unanständiges Verhalten anderer die Konsequenzen tragen?

Es ist erschreckend, dass in der aktuellen Debatte um Inklusion an Schulen noch immer Kinder mit Behinderung vom vermeintlichen Opfer zum Täter gemacht werden, indem man sie regelrecht fernhalten will von den nichtbehinderten Kindern. Das geschieht oft unter dem Deckmantel des Beschützens. Aber wovor? Und vor allem, vor wem? Hätte es mich beschützt, die Schule zu wechseln? Und wird auch den Kindern vorgeschlagen, die Schule zu wechseln, weil sie zu dick sind und aufgrund dessen gemobbt werden? Ich glaube nicht.
Mir hätte man signalisiert, dass es nicht gut ist, eine Behinderung zu haben. Weder gut für mich, noch gut für andere. Warum sollte ich für etwas bestraft werden, für das ich doch gar nichts kann?

Als Kind kannte ich die Worte Inklusion und Chancengleichheit noch nicht, empfand lediglich ein Gefühl von Ungerechtigkeit. Irgendetwas lief schief und ich wollte mich dieser Ungerechtigkeit nicht beugen.
Diese sehr bittere Erfahrung hat mich gelehrt, dass ich mir von niemandem meine Behinderung schlecht reden lassen darf, niemand sollte mich in die Position bringen, mich für meine Behinderung rechtfertigen zu müssen, oder gar sich dafür zu schämen.
Meine Mutter sagte mir damals, dass es ganz allein meine Entscheidung sei, ob ich gehen oder bleiben sollte. Ich blieb. Und kämpfte. Und machte die gute Erfahrung, dass Klassenkameraden, die immer hinter mir standen, sich auch mal vor mich stellten und zum Schlag ausholten. Päng!

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