Großstadt

Endlich 18! – Der Jahresrückblick 2017

Leicht verstrahlt, verkatert, aber glücklich sitze ich auf einem Berg im Sauerland, schaue deep aus dem Fenster und überlege, wie ich all die schönen, unschönen und komischen Gedanken und Gefühle an das Jahr 2017 entwirren kann, um sie geordnet in einem Text auszudrücken. 

— 1. Januar 2018

Fragebögen sollen helfen.

Vorherrschendes Gefühl für 2017?


Überforderung. Liebe.

2017 zum ersten Mal getan?


Im TV, Radio und live vor vielen Leuten gelesen, vorgetragen, geweint und sehr viel gelacht. 2017 habe ich mich einem breiten Publikum ausgeliefert. Das war meistens gut, einmal ließ es mich aber auch weinend und verzweifelt in meinem Hotelzimmer zurück. 
Nach meinem Auftritt beim Kölner Treff bin ich in mich zusammengefallen. Von der Vorstellungsrunde der einzelnen Talkgäste bis hin zu meinen 15 Minuten Redezeit während der Sendung, wurde mir die Rolle der starken, mutigen Frau gegeben, die ich – auch nach mehrmaligem zur Wehr setzen – nicht mehr ablegen konnte. 
Letztes Jahr bin ich sehr viel gereist. Für Lesungen oder Auftritte in TV und Radio. Ich habe mir bewusst das Thema Behinderung zum Beruf gemacht. Ich empfinde es als hochpolitisches und gesellschaftlich sehr relevantes Thema, habe aber auch gemerkt, dass es ein für mich sehr belastendes Thema ist, da ich selbst nunmal davon betroffen bin. Der Beruf Behinderung endet für mich nicht um 18:00 Uhr und beginnt am nächsten Morgen wieder um 9:00 Uhr. Ich nehme meine Arbeit mit nach Hause und lebe mit ihr. Eine Trennung zwischen Beruf- und Privatleben gibt es für mich nicht. Das ist anstrengend und macht es manchmal schwierig, mir selbst die Stange zu halten. Vor allem dann, wenn ich das Gefühl habe, gegen Windmühlen zu kämpfen in Form von Menschen in einer Fernsehsendung, die so sehr an Stigmatisiereung festhalten, dass ich niemals eine Chance gehabt hätte, ein neutrales Bild von Behinderung zu vermitteln. Ich weiß es einfach nicht. 

Wort des Jahres

Wahnsinn und unglaublich sind die beiden Wörter, die 60% meines Vokabulars ausmachen. Keine anderen Wörter haben so oft meinen Mund verlassen. Meistens als unfassbare Reaktion darauf, was alles um mich herum passiert. Sei es das Ergebnis der Bundestagswahlen, das Massacker in Las Vegas oder einfach, wenn der Mann mich nachmacht, wie ich vom Rollstuhl auf den Kackstuhl klettere. Mit Geräuschen, die ich angeblich dabei mache. Angeblich!

Getränk des Jahres?

Wasser. Ich bin eine schlechte Trinkerin. Ich trinke generell zu wenig und werde zu der Gruppe Omas gehören, der man den ganzen Tag ein Glas Wasser hinterhertragen muss. Bisher habe ich immer nur Getränke mit Geschmack zu mir genommen. Seit ich meinen Zuckerkonsum aber minimiert habe, trinke ich Wasser. Und manchmal schaffe ich es sogar über einen Liter am Tag zu kommen.

Bestes Essen des Jahres?

Ramen.

Meistangerufene Person?

Den Sachbearbeiter meiner Krankenkasse. Im Dezember 2016 habe ich einen Rollstuhl beantragt. Nach einem Kampf und vielen Widersprüchen nach etlichen Ablehnungen, habe ich es im Herbst endlich geschafft, meinen Wunsch-Rollstuhl für über 6.000€ mit einer persönlichen Zuzahlung von 1.800€ auf dem Papier durchzusetzen. Da aber nicht nur die Mühlen meiner Krankenkasse, sondern auch die der Firma, die den Rollstuhl baut, sehr langsam mahlen, sitze ich auch jetzt hier auf dem Berg im Sauerland noch stets in meinem nun schon sehr alten Stuhl, Manfred, der dringend in Rente möchte.

Die schönste Zeit verbracht mit?


Mit dem Mann und mit mir selbst. Seit fast drei Jahren sind der Mann und ich nun schon zusammen. Wir wohnen zusammen und daten uns mehrmals die Woche. Ich kann mir keinen anderen Menschen an meiner Seite vorstellen, mit dem ich lieber meine wertvolle Zeit verbringen möchte. 
Im Sommer ist der Mann zwei Monate durch die USA gereist, ich war zwei Monate allein zu Hause. In dieser Zeit habe ich gemerkt, dass auch die Zeit mit mir selbst sehr wichtig und auftankend ist. Schon vor meiner Beziehung war ich gerne alleine und hab mein Ding gemacht. Ich habe wieder für mich entdeckt, dass es genau diese Zeit nur mit mir ist, die ich zwischendurch dringend brauche, um kreativ zu sein. Das Gute: Der Mann empfindet genauso. Ich freue mich also auch 2018 wieder auf gemeinsame und getrennte Zeiten.

Song des Jahres?


Unbedingt Grauer Beton von Trettmann. Sein ganzes Album zieht mich beim Hören permanent in eine Stimmung aus Ruhe und Zuversicht. Schaurig schön.

Beeindruckendstes Buch des Jahres?


Im Sommer habe ich Die Straße von Colmac McCarthy gelesen und musste es mehrmals unterbrechen, weil ich durch feuchte Augen nicht weiterlesen konnte. Kein Buch zuvor hat mich so sehr in seinen Bann gezogen, wie Die Straße.

Beste Serie 2017?

The Handmaid's Tale. Verstört und aggressiv habe ich mir die zehn Episoden der ersten Staffel innerhalb von drei Abenden angesehen. Die Serie erzählt von der nahen Zukunft, in der Frauen jegliche Rechte verlieren und sich ihre Existenz ausschließlich in der Funktion, Kinder zu gebären und die Dienste im Haushalt der nur noch wenigen hochgestellten, verheirateten Frauen und Männern zu erledigen, rechtfertigt.
Unbedingt anschauen und über solche Entwicklungen nachdenken!

Erkenntnis des Jahres?

Ich wurde noch nie so divers und heftig mit meiner eigenen Behinderung konfrontiert, wie in diesem Jahr. Das lag zum einen an den öffentlichen Auftritten, in denen primär meine Behinderung und mein Leben mit dieser kontinuierlich im Mittelpunkt stand und die damit einhergehende Erkenntnis, dass ich niemals, wirklich niemals jemand anderes sein werde, als die Behinderte. Das ganze Thema Behinderung und Medien, gepaart mit meinen eigenen Erfahrungen in diesem selbstverliebten Kosmos verdient unbedingt einen für sich selbst stehenden Text. Ich werde das sehr bald nachholen.

Dinge, auf die ich gut hätte verzichten können?


Schmerzen. Nach einer Lesung im Oktober, saß mir im Zug nach Hause eine rotzende, kranke und sehr aufdringliche Frau gegenüber. Die zwei Stunden Fahrt zurück nach Berlin hustete und schniefte sie mir vor meinem Gesicht herum, textete mich mit Nonsense zu und streichelte mir über die Schulter und später sogar über die Wange – mit ihren verseuchten, ekelhaften Händen. Aus erklärlichen Gründen war meine Energie, mich verbal gegen die Art von Mensch zu wehren, vollends aufgebraucht. Ich war müde, musste die ganze Lesung gegen das laute Brummen einer Klimaanlage anlesen und war von Kommentaren der Veranstalter, wie »Mit so vielen Behinderten hätte ich nicht gerechnet.« oder »Ihre Kapitelwahl fand ich unpassend. Mit dem Thema Liebe haben ja viele Behinderte Probleme.« geschockt.
Einen Tag später wurde ich krank und lag zehn Tage mit der Grippe des Todes im Bett. Seitdem schliddert mein Körper in eine Baustelle nach der anderen. Wenn ich die Zerrung im Rücken halbwegs auskuriert habe, verrenke ich mir den Nacken. Nach Nacken, habe ich Hüfte. Nach Hüfte Schulter. Es reißt nicht ab. Ibuprofen ist mein neuer bester Freund und der Feind meines Magens. Seit drei Monaten fühle ich mich körperlich eingeschränkt und ich hoffe, dass ich schnell wieder zu einer Balance zwischen körperlichem Aktivismus und Belastungsgrenze finde.

Beste Entscheidung des Jahres?

Endlich einen professionellen Menschen zu finden und zu engagieren, der mir eine neue Webseite designed und programmiert. Schön geworden, oder?

Schönstes Ereignis?


Definitiv mein Fernsehauftritt bei Jan Böhmermann im Neo Magazin Royale. Bei keinem anderen Team habe ich mich als Typ Mensch so verstanden und abgeholt gefühlt, wie bei den großartigen, kreativen Leuten des ZDFneo.
Der Vergleich zwischen den jeweiligen Bauchbinden des WDR und ZDF bringen es ganz gut auf den Punkt.

Ich hoffe, alle sind gut und gesund ins neue Jahr gekommen. Ich habe meinen Blog sehr vermisst und freue mich, mit neuem Design und Technik endlich wieder kreativ zu werden. Mein Vorsatz und gleichzeitig meine Herzensangelegenheit 2018: Schreiben.

Endlich 18!

*Danke Christiane Link für die Fragen als Inspiration

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