Reise

Juist – mit Mama und Celine Dion

Kurz vorm Sommerloch habe ich mir meine Mama eingepackt und bin mit ihr nach Juist gefahren. Juist – die schönste Nordseeinsel und das von meinen Eltern am meist angesteuerte Urlaubsziel meiner Kindheit.

— 20. August 2016

Juist war für mich als Kind der größte Abenteuerspielplatz. Schlafenszeiten und andere Verpflichtungen existierten auf der Insel nicht.
Wenn mir heute auf der Straße der Wind durch die Ohren pfeift oder ich höre, wie große Stofffahnen durch den Wind an ihre Mäste geschlagen werden, schaltet mein Gehirn automatisch in den Juister Erinnerungsmodus.

Ganze 20 Jahre war ich nicht mehr auf Juist. In diesen 20 Jahren habe ich aber oft an die schönen Zeiten auf Juist gedacht. Es ist nicht so, dass ich Juist je bewusst vermisst habe oder ständig daran dachte, irgendwann noch einmal dorthin zurückzukehren. Es kam mir noch nicht mal in den Sinn, Juist als Reiseziel vorzuschlagen, als meine Mutter und ich unseren alljährlichen Urlaub planten. Ich wollte nach Formentera. Doch dieser Vorschlag wurde kurz und knapp zerschlagen, als meine Mutter verkündete, aus Angst vor Terroranschlägen nie wieder fliegen zu wollen. »Lass uns mal lieber mit dem Auto fahren. Dann können wir wenigstens schön singen und Päuschen machen!«

Mit meiner Mama stundenlang im Auto zu sitzen und zu Celine, Whitney oder Mariah zu singen, war ein guter alternativer Plan. Doch die erste und vielleicht größte Enttäuschung des ganzen Urlaubes, tischte sich schon auf, als mich meine Mutter vom Düsseldorfer Hauptbahnhof abholte:

Auf Juist fahren keine Autos. Man ist entweder zu Fuß, mit dem Fahrrad oder mit der Pferdekutsche unterwegs. Da die Kutschen, die die Gäste vom Flughafen oder der Fähre abholen und zu den Unterkünften bringen, nicht barrierefrei sind, habe ich alle Wegstrecken mit Rollstuhl und Handbike zurückgelegt und schnell bemerkt, dass die Insel auch mit ihren Hügeln über Dünen und Watt sehr gut befahrbar ist. Ich habe im Vergleich zu meinem sechsjährigen Ich, das damals mit dem Fahrrad über die Insel geheizt ist, keinen Unterschied in meinem Fahrverhalten zu heute gemerkt. Selbst auf den höchsten Punkt der Insel kam ich problemlos rauf.

Laura Gehlhaar steht auf einem Hügel und blickt über Hausdächer hinweg aufs Meer.

Den einzigen Unterschied von vor 20 Jahren, war die Aufmerksamkeit der anderen, teils sehr alten Inselbesucher*innen, die offensichtlich das Auftreten meiner rollstuhlfahrenden Existenz mit sich zog. Ich kenne die Blicke. Ich kenne sie alle. Ich kenne die Sprüche, das Getuschel und selbst die nackten auf mich gerichteten Finger. Aber all das bekam ich auf Juist in zehnfacher Wucht ab. Leute fuhren sogar mit ihren Fahrrädchen rechts ran, wenn ich gerade seelenruhig an ihnen vorbeifuhr und mich selbst noch einmal umdrehte, da ich eine solche Folgereaktion an den streifenden Blicken schon erahnte.

Und dann konnte ich nicht anders, als eine ganze Seniorengruppe stehenblieb, um sich mich genau anzuschauen, als umzudrehen und mich hochachtungsvoll für meine Darbietung zu verbeugen. Komischerweise hat nur niemand applaudiert.

Straßenschild »im Schritt frei«

Abgesehen von den teils sehr hinterwäldlerischen Reaktionen der Leute, habe ich meinen Besuch sehr genossen und mir selbst bei wolkenbedecktem Himmel und Sonnenschutz einen Sonnenbrand geholt, als ich mit nackten Beinen im Strandkorb am Meer lag.

Apropos Strand: In der juister Touristeninformation kann man zwischen zwei verschiedenen Strandrollstühlen wählen, um gemütlich bis ins Meer zu fahren.

Juister Strand unter dunklen Gewitterwolken.

Juist mit meiner Mama tat gut. Wir haben viel gegessen, noch mehr gelacht und laut zu Celine Dion gesungen. Und vielleicht mussten die Leute deshalb manchmal stehenbleiben, um sich die emotional laut singende im Rollstuhl vorbeibretternde Verrückte einmal genau anzugucken.

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