Reise

Kopf aus – Urlaub auf Kos

Ich war im Urlaub. Meine Mutter buchte uns einen Trip auf die Insel Kos in Griechenland. Und das sollte ein Urlaubsbericht werden. 

— 02. November 2014

Ein Bericht über die Insel, ihre Sehenswürdigkeiten und ihre Kultur. Ich wollte berichten, wie ich einen Surfkurs besuchte und scheiterte, wie ich jeden Abend mit Uzo und neu gewonnenen griechischen Freunden am Strand saß, den Sonnenuntergang genoss und das Leben feierte. Ich wollte darüber berichten, wie mich die Unternehmungslust packte und zu welchen neuen Lebenserkenntnissen ich gekommen bin. Und ich wollte »Tschick« lesen. Ein Buch, von dem alle Welt schwärmt. 

Eine Woche liegt »Tschick« auf meinem Nachttisch im Hotel. Ungeöffnet. Jungfräulich. Eine Woche lang besuche ich weder einen Surfkurs, noch packt mich irgendeine Unternehmungslust. Eigentlich packt mich gar keine Lust. Zu nichts. Ich liege einfach nur da und existiere. Am Strand, am Pool, im Bett. Schon am ersten Tag legt sich bei mir ein Schalter um und ich vergesse alles, was mich die Wochen vor der Reise stresste, beschäftigte, traurig oder fröhlich machte. Würde mich jemand nach meinem Beruf oder Alter fragen, müsste ich erst angestrengt überlegen. 

Laura Gehlhaar blickt über das tief blaue Meer

Mein Kopf ist im Off-Modus. Ich bewege mich so wenig wie möglich. Vom Bett zum Frühstück, vom Frühstück an den Strand, vom Strand zum Abendessen, vom Abendessen ins Bett. Und zwischendurch blicke ich einfach nur über das Meer in die Ferne oder betrachte meine Füße. Meine nackten Füße im Sand. Ich beobachte, wie sich die winzigen Sandkörner bei der kleinsten Bewegung durch die Zehen drücken. Ich würde jetzt gerne laufen und denke darüber nach, wie selten dieser Gedanke geworden ist. Durch Sand zu laufen fand ich immer schön. Wie man mit jedem Schritt den Sand mit dem Fußballen und den Zehen wie eine Schaufel nach hinten drückt. Ich würde jetzt gerne durch den Sand zum Meer laufen. Nur ein paar Schritte und dann im Meer stehen und fühlen, wie das Wasser mit jeder zurückgehenden Welle den nassen Sand unter meinen Füßen mitzieht. Meine Augen werden feucht, der Wind bläst mir leicht durch die Haare. Ich schüttle mich und die ganze Gefühlsduselei von mir ab und lache mich selbst aus.

Ein kleiner Junge versucht auf einen aufgeblasenen grünen Hai zu klettern und rutscht zum vierten Mal ab. Meine Mutter liegt mit Sonnenbrille und Bikini neben mir auf einer Liege im Sand und pennt. »Ich hab’ Rückenschmerzen. Die Liege ist zu hart« 

sagt sie, als sie wach wird. Ich hole mein Notizbuch raus und notiere den Satz.

Einmal machen wir einen Ausflug nach Kos-Stadt. Wir gehen über den Markt und ich schaue mir die nackten Griechischen Götter an. Das gefällt mir, irgendwie. Ich probiere eine Sonnenbrille aus und bekomme sie vom Verkäufer geschenkt. Ein anderer Verkäufer schenkt mir ein Tuch. Vielleicht aus Mitleid, vielleicht will er mir eine Freude machen, vielleicht bin ich aber auch hier in Griechenland eine Göttin, die ihren Thron immer dabeihat und der man etwas schenken muss, um in den Himmel zu kommen.

Am nächsten Tag regnet und donnert es. Den ganzen Tag beschäftige ich mich mit dem Tuch. Ich wickle und falte es um meinen Hals, meine Brust und meinen ausgeschalteten Kopf, während meine Mutter das Unwetter fotografiert und die Bilder durch unsere Familien-Whatsapp-Gruppe schickt.

Als der Regen abzieht, lege ich mich wieder an den Strand und schaue in die Ferne. Ein älterer Herr mit weißen, langen Haaren und Malblock unterm Arm beobachtet mich dabei. Ein paar Tage später, als ich wieder am Strand bin und auf den Horizont starre, kommt er zu mir und schenkt mir ein Bild. Er hätte mich gemalt, sagt er. Erstaunt schaue ich auf das Blatt Papier in meiner Hand. Das Bild zeigt mich in Gestalt einer Meerjungfrau, die mit wehenden Haaren auf einem Motorrad fährt. Es berührt mich sehr und ich muss lauthals lachen. Ich werde das Bild einrahmen und in mein Badezimmer hängen. Dann ist die Meerjungfrau immer in der Nähe vom Wasser.

Für mein bloßes so sein kleine Geschenke zu erhalten ist eine schöne Erfahrung. Ich habe nichts getan und habe doch etwas bekommen. Die letzten Tage liege ich wieder am Strand. Oder am Pool. Und schaue in die Ferne. Mein »einfach so da sein« reicht mir in diesen Tagen, um zufrieden zu sein. Keine Reize von außen, einfach nur wunderbare Eintönigkeit. Ich bin mir selbst genug. Der Urlaub schenkt mir mich selbst zurück. Und endlich eine neue Liste für mein Notizbuch, in dem ich alle möglichen Arten von Listen sammle.

Die nervigsten Sprüche meiner Mutter:

»Guck mal, wie ich aussehe! Das ist von der Klimaanlage!«

»Mir ist kalt. Aber das liegt auch daran, weil ich die letzten Nächte nicht geschlafen habe.«

»Ich hab’ null geschlafen. Die Matratze ist zu weich.«

»Ich hab’ Rückenschmerzen. Die Liege ist zu hart.«

»Es ist so windig. Ich hab’ Ohrenschmerzen.«

»Ich hab’ Rückenschmerzen. Die Matratze ist zu weich.«

»Ich muss schon wieder Pipi. Das ist immer, wenn ich lache.«

»Ich bekomme schon wieder eine Hitzewallung!«

»Ich hab’ Bauchschmerzen! Das muss am Essen liegen.«

»Ich hab’ Bauchschmerzen! Ich hab’ viel zu viel gegessen!«

»Ich hab’ Bauchschmerzen! Ich darf keinen Zucker mehr essen!«

»Ich hab’ Bauchschmerzen! Das war der Kuchen gestern!«

»Ich hatte elf Hitzewallungen letzte Nacht!«

»Nur Regen! Da hätten wir auch zu Hause bleiben können.«

»Mir tun die Füße weh. Bestimmt vom vielen Liegen!«

»Mir tut der Arm weh! Ich glaub’, der ist ausgerenkt. Ja, ich hab’ auf der Seite gelegen!«

»Es fühlt sich an, als hätte ich eine Kopfgrippe. Das ist vom vielen Wind!«

»Komisch, mir tun meine Knie gar nicht weh!«

Gestern komme ich wieder in Berlin an. Braun gebrannt. In der U-Bahn demonstriert ein betrunkener Penner seinen offenen Armbruch. Eine Frau kotzt daraufhin den Boden voll. Alles wie immer. Hallo, Berlin. 

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