Großstadt

Krüppel-DNA gehört ausgerottet – zwischen Mut und Verzweiflung

Meine Mutter sagt immer, dass ich wegen meiner großen Klappe irgendwann mal in ernsthafte Schwierigkeiten geraten werde. 

— 09. November 2015

Ich habe noch nie viel Wert darauf gelegt, bei anderen beliebt zu sein. Dementsprechend habe ich mich nie sonderlich dafür anstrengen müssen, als Querulantin oder Rebellin zu gelten. Am wohlsten fühle ich mich, wenn ich meine Meinung ganz offen sagen kann, wann immer ich denke, jetzt wäre eine gute Gelegenheit dazu. Und manchmal auch, wenn andere denken, das sei jetzt überhaupt keine gute Gelegenheit. Dass ich dadurch anecke und polarisiere, weiß ich, aber ich kann und will nicht anders.

Wer setzt sich für mich ein?

Als ein Lehrer meine damalige beste Freundin als quasselndes Kopftuch bezeichnete, beschimpfte ich ihn vor der versammelten Klasse laut als Naziarschloch. Meiner Meinung nach völlig zu Recht. Ich wurde selber als Mensch so oft auf meine Behinderung reduziert, war für viele nur die Behinderte, dass mich diese Diffamierung eines anderen Menschen, noch dazu die meiner besten Freundin, vor Wut rasend machte. Da war es mir auch völlig schnuppe, dass dieser Lehrer mir den Rest des Schuljahres eine glatte Fünf im Mündlichen reindrückte.

Meine beste Freundin und ich – wir teilten ein gemeinsames Schicksal: Ich als hinkendes, behindertes Mädchen und sie als einzige Türkin mit einem Kopftuch auf der Schule, wurden beide auf ein sichtbares Merkmal reduziert, das außer uns niemand hatte, das allen anderen fremd und suspekt war und das deshalb häufig als Zielscheibe für Beleidigungen herhalten musste.

Dieses diskriminierende Verhaltensmuster erfahre und erlebe ich bis heute. »So was wie dich hätte man vor 70 Jahren noch vergast«, zischte mir vor einiger Zeit ein Mann in der U-Bahn zu, als er sich an mir vorbeidrückte. Ohne über mögliche Konsequenzen nachzudenken, schrie ich ihm lauthals hinterher, dass er mit seinem kleinen Pimmel woanders rumwedeln solle! Die anderen Fahrgäste hatten diesen Austausch mitbekommen und ein paar nickten mir danach anerkennend zu oder sprachen mir ihre Solidarität aus. Dass das alles auch in die Hose hätte gehen können, wenn der Typ zurückgekommen wäre und mir eins auf die Nase gehauen hätte, darauf kam ich erst später, als mir der warnende Satz meiner Mutter wieder einfiel. Wären mir die Leute, die mir gerade noch anerkennend auf die Schulter geklopft hatten, dann zu Hilfe geeilt? Hätte überhaupt irgendjemand auf die Beschimpfung reagiert, wenn ich mich nicht so entschlossen verhalten hätte? Dass ich diese Fragen bis jetzt noch nie mit einem klaren Ja! beantworten konnte, macht mich fertig.

Warum ist es für so viele Menschen überhaupt nicht selbstverständlich, sich für andere einzusetzen? Für andere, die nicht in der Lage sind, für sich selbst zu sprechen oder zu kämpfen? Was ist denn da los bei uns, dass wir Menschen, die unsere Enkel, Eltern, Geschwister, Kinder oder Freunde sein könnten, aus Schiss in der Buxe alleine lassen und weggucken?!

Einmal beobachtete ich in der U-Bahn, wie drei Jugendliche einem Jungen die Turnschuhe abzocken wollten. Der Junge saß verängstigt auf seinem Platz und konnte sich nicht wehren. Es waren noch zwei andere Fahrgäste im Abteil, die die Situation ebenfalls mitbekamen. Keiner der beiden schien etwas tun zu wollen. Man sagt ja, dass man im Notfall Passanten zum Handeln mobilisieren soll, wenn man sich selbst nicht dazu in der Lage fühlt, aktiv zu werden.

»Wenn Sie da jetzt nicht eingreifen, mache ich das und Sie sind dann Zeuge!«, sagte ich wütend zu dem Mann, der mir schräg gegenübersaß. Ich wartete die Reaktion des Mannes gar nicht mehr ab, drehte mich um und drohte den drei Jugendlichen lautstark, dass ich gerade die Polizei gerufen hätte. Sie meckerten noch großkotzig rum, ließen aber von dem Jungen ab und stiegen an der nächsten Station aus.

Bei solchen offensichtlichen Ungerechtigkeiten legt sich bei mir ein Schalter um, der Wut und den unbändigen Drang nach Gerechtigkeit in mir freisetzt. Kann ich dann nicht aktiv handeln, habe ich das Gefühl, platzen zu müssen. Klein beizugeben oder handlungsunfähig zu sein ist das Schlimmste für mich.

Bis jetzt bin ich ein einziges Mal in so eine brenzlige Situation gekommen, dass ich aus Angst um meine Sicherheit die Füße still gehalten habe.

Zwei gegen eine

Ich war mit meiner hochschwangeren Freundin unterwegs. Wir hatten Hunger und entschieden uns spontan für den Burrito-Laden bei mir um die Ecke. Wir bestellten unser Essen und während wir warteten, quatschten wir über rote Hosen und Plazenten. Der Laden ist klein und immer gut besucht. Leute sitzen an runden Tischchen oder stehen vor der Theke und warten auf ihr Essen.

Die beiden Typen mit Bomberjacke und Jogginghose fielen mir in dem Moment auf, als sie beim Betreten des Ladens mit ihrem unangenehmen Gelächter den ganzen Raum für sich in Anspruch nahmen. Ihre tiefen, ruppigen Stimmen hoben sich unangenehm vom Gemurmel der anderen Gäste ab. Ich ignorierte die beiden, unterhielt mich weiter mit meiner Freundin und versuchte lachend, sie davon zu überzeugen, ihre Tochter in spe Laura zu nennen.

Erst als ich zum wiederholten Mal das Wort Spasti hinter mir hörte, konzentrierte ich mich auf das Gerede der beiden Männer schräg hinter uns. Aus dem Augenwinkel musterte ich die beiden und versuchte herauszuhören, ob es einen kausalen Zusammenhang zwischen ihren Spasti-Ausrufen und mir als Frau im Rollstuhl gab. Oh ja, leider gab es den! Behinderte Fotze war das Nächste, was mir vom dickeren der beiden Honks an meinen Hinterkopf gepfeffert wurde. Die Augen meiner Freundin weiteten sich vor Entsetzen. Abrupt drehte ich mich um und wollte schon zum verbalen Gegenschlag ausholen, da traf mich der Blick des größeren Typen – höhnisch und provozierend. Er wartete nur darauf, dass ich etwas sagte. Ein warnender Schauer lief mir den Rücken herunter. Dieser Kerl dünstete aus jeder einzelnen Pore Gewaltbereitschaft und Menschenverachtung aus. Ein Bär von einem Mann: Pranken, breite Schultern und ein Stiernacken. Tätowierte Hände und Unterarme lugten aus den Jackenärmeln hervor.

Ich versuche immer so gut es geht, Menschen nicht aufgrund ihrer Äußerlichkeiten in Schubladen zu stecken und natürlich weiß ich, dass Tätowierungen nicht gleich auf aggressive Vollidioten schließen lassen. Aber als ich diesem Mann in die Augen sah, bekam ich es mit der Angst zu tun. Jede Faser in meinem Körper spannte sich an und war in Alarmbereitschaft. Ich klappte mein loses Mundwerk wieder zu, schluckte meine Wut über seine Provokation herunter und drehte mich zu meiner Freundin um, die mich beschwörend anguckte und dabei schützend eine Hand über ihren dicken Bauch hielt. Sie kannte mich und mein Temperament. Mein Herz wummerte. Ich schaute mich unauffällig im Laden um – konnte ich mit Hilfe rechnen? Bis jetzt schien noch niemand mitbekommen zu haben, was hier gerade abging.

Krüppel-DNA gehört ausgerottet

Und dann fiel der wohl ekelhafteste Satz, den ich bis jetzt in Bezug auf Behinderung gehört habe: »Krüppel-DNA gehört ausgerottet!«

Tumbes Gegröle und zustimmendes Gegrunze folgten. Ich merkte, wie sich in mir mein Schalter umlegte. In meinen Ohren klingelte es und ich schluckte mehrmals, um den Wutkloß im Hals loszuwerden. Aber da war auch noch etwas anderes – abgrundtiefe Furcht fiel mich von hinten an und kalter Angstschweiß klebte mir unter den Achseln.

Seit meinem Schädelbruch hatte ich Angst um meinen Körper und um meine Gesundheit. Würde dieser aggressive Riese auf mich losgehen, könnte er mich, ohne große Anstrengung, ernsthaft verletzen oder mir endgültig die Lichter ausblasen, ganz nach Belieben. Zum ersten Mal in so einer Situation hatte ich Angst, dass mich meine große Schnauze in ernsthafte Schwierigkeiten bringen könnte. So, wie es meine Mutter immer vorhergesagt hatte.

Wider meiner Natur entschied ich mich, so schnell wie möglich von dort wegzukommen. Wir gaben Fersengeld. Es fühlte sich elendig und jämmerlich an und trotzdem spürte ich, dass es die richtige Entscheidung war.

Der Abend war gelaufen. Uns war der Appetit ordentlich vergangen und schockiert über so viel Hass und Dummheit starrten wir uns immer wieder stumm und völlig fassungslos an.

Sich selbst schützen

Die Tage danach waren schlimm. Ich habe mich selten so machtlos und ausgeliefert gefühlt, habe selten so einen starken inneren Konflikt zwischen meinem tatsächlichen Tun (Abhauen) und meinem Gerechtigkeitsempfinden (den beiden eins auf die Fresse hauen, zumindest verbal) erlebt.

Der Gedanke daran, diesen Vollpfosten das Feld geräumt zu haben, quälte mich.

Vielleicht hilft es, diese Geschichte öffentlich zu machen. Sichtbar zu machen, dass diese Art von Diskriminierung existiert und jedem widerfahren kann. Denn im Grunde ging es primär gar nicht um meine Behinderung, sondern um den allgemeinen Stempel des Opfers, den jeder von solchen dummen Menschen aufgedrückt bekommt, der einer Minderheit angehört. Hätte ich äußerliche Merkmale, die meine Religion oder ethnische Herkunft verrieten, wäre ich wohl ebenfalls Opfer dieser beiden Männer geworden. Vielleicht hätte auch schon eine falsche Jacke oder Frisur ausgereicht, um von den beiden Idioten gedisst zu werden.

Das macht die Sache nicht besser, aber vielleicht ein bisschen erträglicher. 

Teilen