100 Jahre Bauhaus - barrierefrei durch Erfurt und Weimar

Es gibt Städte, die kennt man besser als die eigene Heimatstadt. Städte, auf die man sich einlässt, um ihre Geheimnisse zu entdecken. Städte, denen man zuhört, weil sie eine Geschichte erzählen.

— 28. Juni 2019

Johann Sebastian Bach komponierte und lebte in Erfurt, der Landeshauptstadt von Thüringen. Weimar erzählt von Goethe und Schiller mit dem berühmten Bronzedenkmal der beiden Schriftsteller vor dem Deutschen Nationaltheater und ist Geburtsstätte des Staatlichen Bauhauses, gegründet 1919 von Walter Gropius, und dessen hervorgebrachten Künstler*innen.

Weimar und Erfurt - beide Städte haben ihren historischen Standpunkt. Was beide Städte verbindet ist eine 15-minütige Zugfahrt und das Ziel, möglichst viele Menschen an ihren Erzählungen teilhaben zu lassen. Erfurt ist Mitglied der Arbeitsgemeinschaft »Barrierefreie Reiseziele in Deutschland«, ein Verbund aus Städten und Tourismusregionen. Aktiv wird an der Barrierefreiheit in beiden Städten gearbeitet und das durfte ich mir in Zusammenarbeit mit Julia Marmulla, Herausgeberin des Reisemagazins Meine Reisewelt. einzigartig - komfortabel - barrierefrei, einmal genau anschauen. Die Thüringer Tourismus GmbH hieß uns in Erfurt und Weimar herzlich willkommen. 

Foto: Xiomara Bender
Foto: Xiomara Bender

Erfurt

Es ist heiß an diesem ersten Juni Wochenende, als ich am Erfurter Hauptbahnhof ankomme. Keine fünf Minuten Fußweg trennen mich vom klimatisierten Zug in mein kühles, geräumiges Hotelzimmer des Best Western Plus Hotel Excelsior, die Basis unserer Reisecrew für die nächsten zwei Tage mit dem besten Frühstück (ja, fuck, es war richtig gut).

Foto: Xiomara Bender

Wer hätte gedacht, dass ich mal eine persönliche Stadtführung bekomme? Ich auf jeden Fall! Und so hänge ich meiner Stadtführerin regelrecht an den Lippen, als sie uns von den berühmten Predigten Martin Luthers am Dom St. Marien (barrierefrei zugänglich) erzählt und uns über die Krämerbrücke, die längste durchgehend mit Häusern bebaute und bewohnte Brücke Europas, führt.

Foto: Xiomara Bender

Beseelt von der Ruhe, die Erfurt auf mich ausstrahlt und der entspannten Harmonie zwischen uns Frauen, freue ich mich im besonderen auf die temporäre Ausstellung »Die vier Bauhausmädels«, oder wie ich sie lieber nenne »Die vier Bauhausfrauen« im Angermuseum.

Die vier Bauhausfrauen

Mit dem Beginn der Weimarer Republik erlangten Frauen 1919 das Wahlrecht und die Lehrfreiheit. Insofern stellte die Öffnung des Bauhauses auch für Frauen eine Möglichkeit dar, ihre Kunst, ihr Handwerk zu professionalisieren. Der Gründer des Bauhauses, Walter Gropius, verkündete zur Eröffnung des staatlichen Bauhauses 1919: »Als Lehrling aufgenommen wird jede unbescholtene Person ohne Rücksicht auf Alter und Geschlecht, deren Begabung und Vorbildung vom Meisterrat als ausreichend erachtet wird.« Diese progressive Ausrichtung führte dazu, dass sich zum ersten Sommersemester 84 Frauen und 79 Männer am Bauhaus einschrieben. Bei seiner ersten Ansprache proklamierte Gropius: »Keine Unterschiede zwischen dem schönen und starken Geschlecht. Absolute Gleichberechtigung, aber auch absolute gleiche Pflichten in der Arbeit aller Handwerker.« So weit, So schlecht. Denn schon schnell hatte Gropius die Befürchtung, dass die große Anzahl an Frauen am Bauhaus der Uni schaden würde und forderte eine verschärfte Aussonderung. Auch die Lehrenden vertraten die Ansicht, weibliche Studierende nähmen den männlichen Studierenden die Werkstattplätze weg. So äußerte beispielsweise Gerhard Marcks, Formmeister der Töpferei, man solle »möglichst keine Frauen in die Töpferei aufzunehmen, beides ihret- und der Werkstatt wegen.«

Foto: Xiomara Bender

Die Frauen am Bauhaus mussten sich gegen die Einschränkungen und Behinderungen bei der Entfaltung ihrer Talente zur Wehr setzen. Nach Möglichkeit wurden sie in die Weberei, die »Frauenklasse« abgedrängt. Die Handweberei wurde als Kunstgewerbe eingestuft, stand in der Hierarchie von Kunst und Gewerbe an letzter Stelle und wurde als einzige Werkstatt an der Bauhaus Uni von einer Frau geleitet. Die Hoffnung vieler Lehrender bestand darin, dass mit der »Frauenklasse« das »Frauenproblem« gelöst sei. Tatsächlich aber wurde die Weberei zu einer der produktivsten Werkstätten, war Ausgangspunkt für Neuerungen im Industriedesgin und der Textilkunst. Durch ihren großen Erfolg, auch auf finanzieller Ebene, wurde die Weberei repräsentativ für das ganze Bauhaus. 

Dennoch wurden auch die vorwiegend von Männern dominierten Bereiche wie Bildhauerei, Industriedesign oder Architektur von Frauen wie Marianne Brandt, Florence Henri, Grete Stern und Ellen Auerbach, Friedl Dicker, Anni Albers, Otti Berger erobert - sie schrieben mit ihren Werken Kunst- und Designgeschichte. Von ihren Zeitgenoss*innen wurden sie bewundernd als »die Bauhausmädels« bezeichnet. Die Ausstellung widmete sich den vier Bauhäuslerinnen Margaretha Reichhardt, Marianne Brandt, Margarete Heymann-Loebenstein und Gertrud Arndt. Nicht nur die Frauen und ihre individuellen, teils erschütternden Geschichten beeindrucken mich nachhaltig. Auch das Gebäude des Angermuseum zeigt, wie man ein historisches Haus so umrüsten kann, das ist auch für mich als Rollstuhlfahrerin barrierefrei zugänglich ist.

Foto: Xiomara Bender

Neues Museum Weimar und Bauhaus Museum

Einen durchaus positiven Kulturschock erlebe ich wenige Meter vor dem neuen Bauhaus Museum in Weimar, eröffnet am 6. April 2019. Denn während ich das Neue Museum Weimar noch durch den Hintereingang betrat, um die herausragenden Werke des Architekten und Designers Henry van de Velde, der »geistige Vater des Bauhauses«, sowie die Selbstverliebtheit Friedrich Nietzsches zu bestaunen, öffnet das Bauhaus Museum seine großen, gläsernen Türen am Haupteingang barrierefrei für all seine Besucher*innen. 

Foto: Xiomara Bender

Die Architektur des Neubaus ist geometrisch klar und minimalistisch. Genau mein Stil, könnte man meinen, wäre da nicht die Sache mit dem Minimalismus. Denn der zieht sich nicht nur durch die künstlerische Inszenierung von Designklassikern, wie Marcel Breuers Klubsessel oder die berühmte Kinderwiege Peter Kelers, sondern macht auch keinen Halt vor der Behindertentoilette, bei der man an DINorm Vorgaben eingespart hat, oder dem Verzicht auf Leucht- & Markierungssysteme für Blinde und Sehbehinderte. Letzteres könnte bei den sehr steilen Treppen, die durch ihre Grautöne weder von Wand, noch Boden zu unterscheiden sind, lebensgefährlich sein. Eine große Chance auf hohe Besucher*innenzahlen hat das Bauhaus Museum leider verpasst, indem es beim Bau nur auf einen, kleinen Aufzug gesetzt hat. In jedem Stockwerk stehen die Besucher*innen regelrecht Schlange, was die Neugierde und Lust auf die schönen Ausstellungsstücke minimiert. Und da ist sie wieder, die Sache mit dem Minimalismus.

Bei meinem nächsten Besuch im Neuen Museum Weimar, sowie im Bauhaus Museum freue ich mich besonders auf farblich abgesetzte größere Schriften auf den Beschreibungskarten der einzelnen Kunstwerke, taktile Schrift auf den Knöpfen in Aufzügen und die leckersten Gnocci aus süßen Kartoffeln des Cafés Kunstpause, das man auch unabhängig vom Bauhaus Museum besuchen kann und über den Aufzug erreichbar ist.

Foto: Xiomara Bender

Das Credo des Bauhaus-Gründungsdirektors, Walter Gropius, war »Kunst und Handwerk sollen eine Einheit werden. Der Stil des Bauhauses ist modern, puristisch, funktional«. Für mich soll er auch barrierefrei sein.

Weimar

Am Marktplatz in Weimar endet unsere Reise, genauso wie sie begonnen hat – heiß und mit einem Stadtrundgang. Geschützt vor der brennenden Sonne im Schatten eines Kaufhauses sehen wir das Bronzedenkmal von Goethe und Schiller an. Gleichauf stehen die beiden Schriftsteller vor dem Nationaltheater. Wer von den beiden denn damals größer war, frage ich unsere Stadtführerin. Friedrich Schiller sei größer gewesen. Wer von den beiden der größere Poet war, kann wiederum jede*r für sich selbst entscheiden. Schillers Wohnhaus (barrierearm), das er 1802 erwarb und bis zu seinem Tode 1805 mit seiner Familie bewohnte, und das angeschlossene Schiller Museum (barrierefrei) ist heute für Besucher*innen mit der ThüringenCard frei zugänglich. 

Nicht selbst ausprobiert, aber bei meinem nächsten Besuch in Weimar unbedingt ein Muss: Der iTour City Guide oder wie mir Goethe und Schiller eine persönliche Stadtführung geben! Mit Computer und Kopfhörer erzählen sie spannende Geschichten und zitieren aus ihren Werken.

Foto: Xiomara Bender

Es gibt immer einen Grund zum feiern und dieses Jahr sind es gleich mehrere. 100 Jahre Frauenwahlrecht, zehn Jahre UN Behindertenrechtskonvention und 100 Jahre Bauhaus. Letzterer war der Grund unserer Städtereisen nach Erfurt und Weimar. 

Beide Städte haben mich »gekriegt«. Durch ihre Geschichten, die man in jedem Haus, in jeder Gasse, auf jedem Platz erzählt bekommt. Und wenn man ihren Erzählungen zuhören möchte, braucht man keinen besonderen Anlass für einen Besuch. Ich komme wieder! (keine Drohung)

 

Tipps und Hacks für ein barrierefreies Thüringen

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ThüringenCard 2019
Thüringen barrierefrei
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Weimar - Kulturstadt
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Essen und Trinken
Caponniere im Egapark 
Köstritzer zum Güldenen Rade

Wer die Erlebniswelt 360 Grad Thüringen Digital entdecken will, stolpert einfach vom Erfurter Hauptbahnhof ins Gebäude gegenüber. Die sehr freundlichen Mitarbeiterinnen sind Thüringens Expertinnen und stehen jeder Besucher*in mit Rat und Tat zur Seite. Ganz nach dem Motto, das beste kommt zum Schluss, gehört mein Besuch im 360° zu meinen Highlights.

Foto: Xiomara Bender

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