Inklusion

Female Future Force – der weiße Feminismus

Am Wochenende hielt ich einen Vortrag über weißen und intersektionellen Feminismus im Rahmen des Female Future Force Day im Funkhaus Berlin. Es war ein Tag, der mich nachdenklich, verstört und am Ende motiviert zurückließ. 

— 26. August 2018

Angekommen am Veranstaltungsort, wurde ich von Werbeartikeln und Sponsoren-Ständen in Messe-Atmosphäre regelrecht überspült. Es wurde weder in der Produktwahl (zu viel Plastik und Wegwerfartikel), noch in den Panels Wert auf Nachhaltigkeit gelegt und weil der Speaker*innen-Bereich nicht barrierefrei zugänglich war, konnte ich diesen als Speakerin nicht besuchen. Viele Dinge waren schräg und widersprüchlich. Kaum ein*e Speaker*in wurde bezahlt und vor der einzigen Rollstuhltoilette hielt sich konsequent eine konstante Schlange von Frauen, so dass ich jedes Mal damit beschäftigt war, die Toilette vor Gebrauch eine halbe Stunde zu desinfizieren. Denn an diesem Tag war ich die einzige Frau, die nicht im Stehen pinkeln konnte! Und irgendwann wurde das Rollstuhlschild dann ganz von der Toilettentür abgerissen – mein Symbolbild des Tages.

Ich schwamm in einem Pool mit gefühlt 98% weißen, gesunden, priviligierten Frauen. Und obwohl ich die Tatsache kenne, als einzige Behinderte in der Öffentlichkeit aufzutreten und mir das damit einhergehende Gefühl der Machtlosigkeit durchaus bekannt ist, dominierte mich an diesem Tag ein sehr ängstliches Gefühl. Das Gefühl, dass ich bei diesem gerade erst wieder neu entfachten Kampf um Gleichstellung vergessen werde. Dass der Zug des wieder auflebenden, jungen Feminismus' einfach ohne mich und all die anderen Frauen, die einer Minderheit angehören, abfährt.

An diesem Tag hatte ich Angst, unsichtbar zu sein. Dass viele Frauen nur über den Feminismus nachdenken, der sie selbst betrifft. In diesem Feminismus erkennt man zwar verschlossene Türen und weiß, wie man sie öffnet, aber man vergisst zu leicht, dass nicht alle durch die gerade erst geöffneten Türen gehen können. Weil sie einer anderen sozialen Klasse angehören, einen anderen ethnischen, sexuellen Hintergrund haben und/oder behindert sind und damit Diskriminierungsformen, wie Rassismus und/oder Behindertenfeindlichkeit ausgesetzt sind, die eine gesunde, weiße, arbeitende und damit privilegierte Frau nie erfahren wird. 

Das Zauberwort heißt: Intersktionalität! So werde ich als behinderte Frau gegebenfalls nicht nur als Frau und als Behinderte diskriminiert, sondern mache auch die Erfahrung, als behinderte Frau diskriminiert zu werden. Und allein die Tatsache macht es für mich schwerer, mich diesem weißen Feminismus zuzuordnen. 

Aber was kann ich als weiße Feministin tun, um im Kampf um Gleichstellung möglichst viele Frauen und ihre verschiedenen Hintergründe und Merkmale mitzudenken? 

1. Seid euch eurer Privilegien bewusst. Priviligiert zu sein bedeutet nicht, reich und ein easy life zu haben. Es bedeutet, dass es Dinge in deinem Leben gibt, über die du dir niemals Gedanken machen musst, weil du so bist wie du bist. Weiß, um die 30, arbeitnehmend, etc.

2. Spreche mit marginalisierten Gruppen und nicht über sie! Wenn der Kampf um Gerechtigkeit eine Girlgroup wäre, musst du dir klar sein, dass du nicht Beyoncé Knowles und nicht Kelly Rowland bist, sondern Michele. Es geht nicht um dich, es geht um das Ziel, die Botschaft voran zu treiben. 

3. Mach deine Hausaufgaben! Als weiße, gesunde Feministin muss ich Begriffe kennen, wie Tone Policing, Spiritual Bypassing, White Savior Complex und Gaslighting
Informiere dich über marginalisierte Gruppen. Wusstet ihr, dass laut einer Studie des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend jede dritte Frau mit Behinderung in ihrem Leben Gewalt erfährt? Und die Dunkeziffer ist sicherlich noch höher, da viele Frauen und Mädchen in Wohnkomplexen für Behinderte leben, Gewalt erfahren und dies nicht kommunizieren können. Warum wissen wir sowas nicht?

4. Du wirst Fehler machen! Das ist ok! Bitte um Entschuldigung und lerne!

Ich bin an diesem Tag motiviert nach Hause gegangen, weil ich fest daran glaube, dass mit dem Female Future Force Day ein Grundstein gelegt wurde für eine Bewegung von starken, selbstbewussten, emanzipierten Frauen. Lasst uns gemeinsam schauen, dass wenn wir einen weiteren Kampf gewonnen haben und sich eine weitere Tür öffnet, wir keine Frau zurücklassen!



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