Monatszyklus, Inklusion

Frau Gehlhaars Monatszyklus – Juni 2018 über Klagen, Psychotherapeuten und Tränen

— 19. Juni 2018

Monatshighlight

Mein absolutes Highlight dieser Tage war meine Lesung im Kleisthaus, veranstaltet vom neuen Beauftragten der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderung, Jürgen Dusel.

Laura Gehlhaar und Jürgen Dusel, Foto: Henning Schacht

Vor jedem Auftritt, sei es eine Lesung, ein Vortrag oder ein TV-Auftritt, bin ich extrem aufgeregt. Mein Bauch bläht sich auf das dreifache Volumen seines üblichen Inhaltes auf. Lefax ist mein allerbester Freund. Meistens legt sich die Aufregung, sobald ich die Bühne betrete. Dann werde ich ruhig und klar. Ich denke mir, all die Leute, die gerade vor dir sitzen, wirst du in deinem Leben sowieso nie wieder sehen. Ich bin nur Gast in deren Stadt. Die Wahrscheinlichkeit, dass man sich in Zukunft zufällig auf der Straße trifft und mit dem eigenen Versagen vom Vorabend konfrontiert wird, liegt mehr oder weniger bei null. Das beruhigt irgendwie.
Jetzt, bei dieser Lesung, war alles anders. Ich las in Berlin. Freunde und Familie hatten sich angekündigt. Ich war nicht mehr zu Gast in irgendeiner Stadt, ich war in Berlin. Heimspiel. Wenn ich hier versage, würde ich meine Wohnung nicht mehr verlassen können aus Angst, dass mich jemand auf der Straße erkennt und mich für mein Versagen auslacht. 
Es kam alles anders. Schon nach den ersten Zeilen des Kapitels »Lieber Raul« spürte ich das Publikum ganz nah bei mir. Ich konnte fühlen, wie jede*r einzelne mit mir fühlt und das gab mir Sicherheit. So viel Sicherheit, dass ich mich zum ersten Mal etwas traute, worum ich vorher einen großen Bogen gemacht hatte. Zum ersten Mal habe ich das Kapitel aus meinem Buch vorgelesen, das mir am meisten am Herzen liegt, weil es von einem Menschen handelt, der mein Herz so sehr berührt wie kein anderer Mensch auf dieser Welt – Julian, mein Bruder.

Foto: Henning Schacht

Meinem Bruder Julian habe ich mein Buch gewidmet. Das gleichnamige Kapitel ist wohl das emotionalste im Buch. Schon beim Verfassen habe ich viel geweint und mich deshalb nie getraut, das Kapitel öffentlich vorzulesen.
Doch weil der Inhalt nicht nur emotional, sondern auch politisch wichtig ist, wollte ich mich endlich überwinden die Wörter und Zeilen laut auszusprechen – auch mit Tränen. 
Danke an das beste Berliner Publikum, das mir so viel Sicherheit und Vertrauen gegeben hat, um mein Inneres nach außen zu tragen. Danke an all die, die mit mir geweint und gelacht haben.

Podiumsdiskussion mit Laura Gehlhaar und Jürgen Dusel, Foto: Henning Schacht

Weil es die erste öffentliche Veranstaltung des Beauftragten der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderung im Kleisthaus war, und weil man ganz einfach nie aufhören sollte, über die Umsetzung der Inklusion zu sprechen, sind Jürgen Dusel und ich nach der Lesung in Diskussion mit dem Publikum gegangen. Dort sprachen wir unter anderem über ähnliche Erfahrungen während unserer Schulzeit als einziges Kind mit Behinderung an einer sogenannten Regelschule, aber auch über die politische Arbeit als Beauftragter der Bundesregierung einerseits und als Aktivistin andererseits.

Podiumsdiskussion mit Laura Gehlhaar und Jürgen Dusel, Foto: Henning Schacht

Monatslink

Oft frage ich mich, ob es mein Vorteil war, dass es den offiziellen Gedanken der schulischen Inklusion während meiner Schulzeit noch nicht gegeben hat, oder mir zumindest der Stempel der »i-Schülerin« erspart geblieben ist. Mein Gymnasium hat mich damals einfach aufgenommen, gefragt, was ich brauche und dann lief das Ding. Und weiter frage ich mich, warum die Idee der schulischen Inklusion in allen anderen Industrieländern läuft, während sich hier alle wundern, dass es auf einmal Behinderte gibt, die zur Schule gehen müssen. 

»Gegen die halbherzigen Änderungen des Behindertengleichstellungsgesetzes, die vor zwei Jahren von der schwarz-roten Bundesregierung beschlossen wurden, protestierten fast nur Menschen mit Behinderungen. Während in anderen Ländern auch die Privatwirtschaft in die Pflicht genommen wird, hat die Bundesregierung darauf verzichtet.«

Als behinderte Frau und Aktivistin und vor allem als Mensch frage ich mich, wie es immer noch Menschen geben kann, die sagen »ich bin gegen Inklusion« und sogar gegen Kinder mit Behinderung an Regelschulen vor Gericht ziehen. Mal ganz davon abgesehen, dass diese Menschen sich gegen Menschen mit Behinderungen aussprechen und sich damit zutiefst diskriminierend äußern. Auf die Idee, endlich mal die nötigen Ressourcen für ein inklusives Schulsystem und damit für einen längst überfälligen Systemwechsel zu klagen, kommt keiner.
Das Schlimme ist, dass am Ende immer das Kind verloren hat. Sind die Eltern z.B. gezwungen, ihr behindertes Kind auf eine Schule zu klagen und kommen damit durch, wird es diesem Kind automatisch nicht leicht gemacht. Eine Klage, und die ist leider zu oft nötig, ist ein schlechter Start in eine Zeit, die so prägend fürs Leben ist, wie sonst keine.

Monatserkenntnis

Die Erkenntnis, dass Behinderung nie nur eine individuelle Angelegenheit, sondern ein gesellschaftliches und politisches Problem ist, hat mein Leben stark beeinflusst. Mein Verständnis von Behinderung liegt nicht dem medizinischen, vielmehr dem sozialen Kontext zugrunde. Behinderung entsteht durch gesellschaftliche Strukturen, Gesetze, die Menschen daran hindern, selbstbestimmt leben zu können, und Vorurteilen. Meine Behinderung gehört nicht mir alleine, sie gehört all denen, die sie mitverursachen. Ein Interview über Demut, den Mann und meine Superpower mit Edition F.

Monatsfail

Letzte Woche hatte ich mein erstes Gespräch mit einem Psychotherapeuten. »Mich wundert es, dass dies hier Ihr erstes Gespräch mit einem Psychotherapeuten ist.«, eröffnete der Therapeut meine erste Therapiestunde. »Wie meinen Sie das?«, fragte ich ihn und wusste, wie er es meinte. »In Ihrer Situation.«, antwortete er. Ich wusste es. »Sie eröffnen mein erstes Gespräch bei Ihnen mit einem krassen Vorurteil?«, »Sie müssen schon sehr stark sein, dass Sie bis jetzt ohne psychologische Hilfe klarkamen.«, war der letzte Rettungsversuch des Psychotherapeuten. Meine erste Therapiestunde endete nach 20 Minuten mit folgendem Plädoyer: Es hat nichts mit Stärke zu tun, wenn man einfach sein Leben lebt ohne jemals psychologische Unterstützung in Anspruch genommen zu haben — ob man sie nun bräuchte oder nicht. Ich finde es äußerst stark, wenn man nach Hilfe fragen kann. Und zwar dann, wenn man meint, sie gebrauchen zu können. Stark ist es, zu erkennen, dass man in einer bestimmten Lebenslage Unterstützung braucht, damit es einem danach wieder besser gehen kann.

Foto: Valerie-Siba Rousparast

Monatsankündigung

Was können Unternehmen tun, um mehr behinderte Menschen anzusprechen? Wo hört Inklusion auf? Und was kann jede*r tun, um unsere Gesellschaft gerechter zu machen? Für die Female Future Force, ein Projekt von Edition F, gehe ich als Coach auf genau diese Fragen ein. Die Female Future Force ist ein 52-wöchiges digitales Coaching, begleitet von verschiedenen Coaches, die ihr individuelles Fachwissen an die Mitglieder*innen der Force vermitteln.

Und das Beste am Schluss: Ich liege gerade an eurem Kiosk um die Ecke. Das Missy Magazine hat mich interviewt und ich habe etwas getan, was sowieso alle machen – ich habe meine Meinung zu einem Thema geäußert, von dem ich keine Ahnung habe – Mode.

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