Monatszyklus, Reisen

Frau Gehlhaars Monatszyklus – März 2018 mit kichernden Menschen und vielen Reisen

Das Jahr begann ruhig und friedvoll im Sauerland, wo der Mann und ich Silvester verbrachten, und führte uns Anfang Januar weiter nach Amsterdam, um meinen Geburtstag zu feiern.

— 4. April 2018

Mein Gefühl und abgeklärter Hintergedanke war, das Jahr reisend zu starten und diesen Zustand als roten Faden durch 2018 zu legen. Wir werden sehen, ob die Idee aufgeht.

Monatshighlight

Im Januar hat mich die Behindertenbeauftragte der Stadt Salzburg zu einer Lesung ins Schloss Mirabell eingeladen. Nachdem sich Eurowings gedacht hatte, kurz nach Buchung meinen Flug nach Salzburg zu canceln, fuhren der Mann und ich spontan mit dem Zug von Berlin erst nach München und dann weiter nach Salzburg — eine der ersten guten Entscheidungen, die wir in den vier Tagen treffen sollten.

Denn der Mann ist ein großer Fan von Bahnhöfen.

Wenn der Mann mich schiebt. Ich hasse ihn.

Ich ärgere mich. Denn es nagt eine Entscheidung an mir, die wir so nicht hätten treffen sollen; mit dem Flugzeug von Salzburg zurück nach Berlin zu fliegen. Es war eng und ungemütlich und ich war die ganze Zeit so angespannt, weil ich Angst hatte, meinen Rollstuhl in vielen kleinen Einzelstücken vom Gepäckband zurückzubekommen, dass ich während des Fluges kurz davor war, Durchfall zu bekommen. Stress schlägt mir auf den Magen. Die Zeit — wir waren für 1:10 Stunde Flug ganze fünf Stunden unterwegs — hätten wir gemütlich ohne Stress im Zug verbringen können. Das Geld hätten wir auch für sinnvolle Dinge ausgeben können, denn während wir für den Flug 346,- € bezahlt haben, kostete die Zugfahrt von Berlin nach Salzburg keine 80,- €. Und während wir und viele andere Reisende von oben über den Wolken mit CO2 aus verbrannten Kerosin, Kondensstreifen und Schleierwolken auf das Klima und unsere Umwelt scheißten, hätten wir mit besserem Gewissen und umweltschonend mit dem Zug nach Hause fahren können. 
In Zukunft konzentriere ich mich in meiner Reiseplanung mehr auf mögliche Zugfahrten und verzichte auf einen antrainierten Luxusgedanken. 

Am Ende unseres viertägigen Kurztripps, verlasse ich Salzburg mit vielen schönen Erinnerungen an das höflichste Lese-Publikum, einen interessanten Opernbesuch, den wir aus islamophobischen und frauenfeindlichen Gründen abbrechen mussten und mit  Dosenbier und Dschungelcamp ausglichen, an einen spontanen Besuch meiner Eltern, die zufällig gerade in der Nähe waren, im Café Tomaselli und meinen ersten Sonnenbrand, den ich mir oben auf dem Mönchsberg geholt habe, in diesem Jahr. Mögen noch viele weitere folgen.

Die Stadt Salzburg von oben, aufgenommen auf dem Mönchsberg.

Eine weitere schöne und sehr lustige Lesung hatte ich auf der Buchmesse in Leipzig. Nach einer verschneiten und kurzen Zugfahrt kam ich am 16. März am Leipziger Hauptbahnhof an und wurde sogleich von der Service-Dame, die mir den Hublift an der Zugtür zur Verfügung stellte, zu Recht gewiesen: »Nää! Sö können Sie da nisch drauf! Das is nisch zülässisch!« Ich glaube, sie wollte mir sagen, dass ich nicht mit Handbike auf den Hublift dürfe, weil das nicht zulässig sei. Da ich das aber seit 12 Jahren so mache und noch nie vom Bahnpersonal ein derrartiges Verbot ausgesprochen wurde, gab ich ihr zu verstehen, dass ich sie in vielerlei Hinsicht nicht verstehe und fuhr seelenruhig davon.

Ich mag meine kleinen Reisen in andere Städte und ich bin immer wieder fasziniert, wie unterschiedlich meine vorgelesenen Texte bei den Leuten ankommen. Denn während die einen Zuhörer*innen vor lachen fast vom Stuhl rutschen, ist in einer anderen Stadt mit anderen Menschen ein verlegenes und kaum zu hörendes Kichern das höchste der Gefühle. 
Interessant wird es meistens dann, wenn behinderte Zuhörer*innen lachen und den ganzen Nichtbehinderten zu verstehen geben, ok, ich darf auch über die ganzen Behindertenwitze lachen. Und dann lachen sie alle.

Monatslink

Nach einer sehr schönen Lesung an der TU Dortmund hatte ich ein sehr schönes Gespräch mit Heide vom Blog Feminismus im Pott über Frausein, Behinderung und Feminismus.
Auch sprachen wir über meine bisher gemachten und zum Teil sehr frustrierende Erfahrungen in den Medien. Ich glaube, dass in dieser medialen Elite nur bestimmte Menschen existieren können: weiß, gesund, jung etc. Und vielleicht sogar ganz bewusst Anderssein ausgegrenzt wird. Oft, wenn ich mich in diesen Kreisen bewege, fühle ich mich immer wie diese Fühl-Dich-Gut-Tropfen. Es tut halt gut eine Behinderte anzuschauen, wenn man gleichzeitig denkt: »Ah, geht’s mir gut.«. Ich fühlte mich in gewissen Talkrunden oft benutzt. Und es tut sehr weh nicht gehört und auch nicht gesehen werden zu wollen.

Die Berliner Eiszeit habe ich vor allem genutzt, um mir so viele Dokus und Filme reinzuziehen, wie mein kleines Gehirn aufnehmen konnte. Einer davon – und mit Sicherheit der Film, der sich am nachhaltigsten da oben eingenistet hat – war das Geiseldrama von Gladbeck in den 80er Jahren. Der Film steht für mediale Grenzüberschreitung und polizeiliches Versagen. Eine der besten deutschen Produktionen, die ich je gesehen habe!

Monatsvideo

Judith Heumann ist eine alt eingesessene Aktivistin der Behindertenbewegung. In ihrem TED Talk erzählt sie beeindruckend und äußerst sympathisch, warum es so wichtig ist, für die eigenen Rechte zu kämpfen – damals, heute und in Zukunft.

Schon morgen werde ich mich an den roten Faden hängen und eine weitere Reise antreten. Zusammen mit meiner Mama fahre ich jedes Jahr in den Urlaub. Letztes Jahr waren wir auf Ibiza, davor auf Kos und morgen geht es nach Mallorca.
Wer Lust hat, verfolgt die Highlights auf meinem Instagram-Kanal. Wir sehen uns dort!

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