Monatszyklus, Inklusion

Frau Gehlhaars Monatszyklus - Mai 2019 über Gerechtigkeit und eine Ehrenfrau

»Ohne Gleichstellung gibt es keine Gerechtigkeit. Und ohne Gerechtigkeit schwächen wir unsere Demokratie und zwar überall.«

— 31. Mai 2019

Mit diesen Worten gab Bundesaußenminister Heiko Maas den Startschuss für das Frauennetzwerk ‚Unidas‘ zwischen Lateinamerika, der Karibik und Deutschland. Es ist für mich eine große Ehre, Gründungsmitglied dieses Netzwerks zu sein. Genau so ehrenvoll ist es, diesen Monat Jurymitglied von zwei sehr unterstützenswerten Projekten zu sein. Und ganz nebenbei habe ich auch noch einen Award gewonnen. Ehrenfrau!

Monatshighlight

Unidas (gemeinsam) ein Frauennetzwerk, das Menschen aus Lateinamerika, der Karibik und Deutschland zusammenbringt. Gemeinsam wird sich für die Chancengleichheit von Frauen und Männern eingesetzt. Unidas wurde unter der Schirmherrschaft von Bundesaußenminister Heiko Maas gegründet. Ich bin inspiriert und berauscht von der Zusammenarbeit zwischen den Ländern, dessen Außenminister*innen sich am 28.05 im Auswärtigen Amt zusammengetan haben, um die Welten von vielen ein großes Stück gerechter machen zu wollen.

Beim 25 Frauen Award wurde ich als eine von »25 Frauen, die mit ihrer Stimme unsere Gesellschaft bewegen« ausgezeichnet und habe mit meiner Crew getrunken (viel ja I know hehe fuck) und bis in den Morgen getanzt. Es war eine große Ehre, mit euch auf der Bühne zu stehen. Bleibt laut! Tausend Dank Edition F und der wunderbar diversen Jury!

Hier sind weitere 25 Frauen, die ihr hören, sehen und pushen und feiern solltet: ⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀
Agnes Becker
Amani Abuzahra @amaniabuzahra
Anna Spindelndreier @annaspindelndreier_photography
Christine Finke @mamaarbeitet
Esra Karakaya @ms_blackrock
Fatma Aydemir
Felicia Ewert @feliciaewert
Gabriele Gün Tank
Hila Limar @hilalimar
Idil Baydar @jilet_ayse
Josefa Nereus @josefanereus
Julia Reda
Dr. Kira Marss
Dr. Kristina Hänel
Luisa Neubauer @luisaneubauer
Dr. Mai Thi Nguyen-Kim @maithink
Margarete Stokowski @marga_owski
Prof. Dr. Maria Wersig @mariawersig
Meşale Tolu @mesale_tolu
Monika Salzer @salzer.monika
Natalie Dedreux @natalie.dedreux
Dr. Sandra von Möller @sandra_von_moeller
Teresa Bücker @fraeulein_tessa
Tupoka Ogette @tupoka.o
Wana Limar @wanalimar

Und last, but not least war ich zu Gast bei Miriam Steckl im 100 Frauen Podcast. Das war ein schönes, intimes, lustiges Gespräch über inklusiven Feminismus, ätzende Lehrer, behinderte Beziehungen und Celine Dion. Danke für die schöne Zeit!

Monatsempfehlung

Die letzten Monate habe ich mich viel mit Rassismen und rassistischen Strukturen auseinandergesetzt. Das bedeutet nicht, dass ich jetzt alles über Rassismus weiß. Ich versuche jeden Tag dazuzulernen. Was ich aber verstanden habe ist, dass ich Rassismus in seiner Form niemals ganz verstehen werde, einfach aus der Tatsache heraus, weil ich weiß bin und ihn nie erfahren werde, wie ihn Schwarze und People of Color jeden Tag erfahren. In der Reihe Alltag Rassismus von Zeit Campus findet man interessante und informative Artikel zum Thema. Aktuell spricht der Artikel Die meisten Weißen sehen nur expliziten Rassismus über die sogenannte white fragility (weiße Zerbrechlichkeit), eine Handlungsform, die es Weißen ermöglicht, an ihrer Machtposition festzuhalten.

Als behinderte Frau und Aktivistin und vor allem als Mensch frage ich mich, wie es immer noch Menschen geben kann, die sagen »ich bin gegen Inklusion« und sogar gegen Kinder mit Behinderung an Regelschulen vor Gericht ziehen. Mal ganz davon abgesehen, dass diese Menschen sich gegen Menschen mit Behinderungen aussprechen und sich damit zutiefst diskriminierend äußern. Auf die Idee, endlich mal die nötigen Ressourcen für ein inklusives Schulsystem und damit für einen längst überfälligen Systemwechsel zu klagen, kommt keiner.
Das Schlimme ist, dass am Ende immer das Kind verloren hat. Sind die Eltern z.B. gezwungen, ihr behindertes Kind auf eine Schule zu klagen und kommen damit durch, wird es diesem Kind automatisch nicht leicht gemacht. Eine Klage, und die ist leider zu oft nötig, ist ein schlechter Start in eine Zeit, die so prägend fürs Leben ist, wie sonst keine.

Monatserkenntnis

Ende August hielt ich auf dem Female Future Force Day einen kurzen Vortrag über den weißen Feminismus, um klar zu machen, dass wir in einer feministischen Bewegung nur dann stark sein können, wenn wir jede Frau mitnehmen und dafür sorgen, marginalisierte Gruppen für sich selbst sprechen zu lassen. Und dann wurde mir nach dem Vortrag eine Frage aus dem Publikum gestellt, die mich im Nachhinein etwas irritiert zurück ließ: »Hast du einen Tipp, wie ich mit behinderten Menschen umgehen soll?«
Ich weiß, dass die Frage auf viel Unsicherheit bzgl. Menschen mit Behinderung basiert. ABER: Ich bin für eure Unsicherheit nicht verantwortlich! Ich lebe mein ganzes Leben mit dieser Behinderung und bin seit 30 Jahren darum bemüht, dass ihr euch in meiner Gegenwart oder im Zusammensein mit anderen Behinderten wohlfühlt. Mit viel Humor, mit Offenheit und Aufklärung versuche ich, eure Unsicherheit zu nehmen und langsam werde ich zu alt dafür! Bitte macht euch bewusst, dass für eure Unsicherheit Menschen gesorgt haben, die durch Gesetze und systemische Barrieren dafür gesorgt haben, dass Menschen mit Behinderung aus der Mitte der Gesellschaft ausgeschlossen werden! Für uns gelten andere Gesetze, andere Schulsysteme, andere Arbeitsbedingungen, die es zu vielen Menschen unmöglich machen, in der gesellschaftlichen Mitte ihren Platz in Anspruch zu nehmen. Deshalb seht ihr uns zu selten, habt keine Berührungspunkte und seid verunsichert, wenn da auf einmal die Gehlhaar angerollt kommt. Was ihr dagegen tun könnt? Hinterfragt das System, die Politik, die Menschen aufgrund bestimmter Merkmale ausschließen und zeigt euch loyal den Menschen gegenüber, die einer Minderheit angehören. Reflektiert euch und bestehende Strukturen. Wie viele Menschen mit Behinderung begegnen mir in meinem Bekanntenkreis, im Arbeitsleben? Keine? Warum eigentlich nicht? Benutze ich das Wort »behindert« als Schimpfwort? Ja?! Dann lieber abgewöhnen, denn es ist sehr verletzend. 
Wie begegne ich behinderten Menschen in der Öffentlichkeit? Verunsichert? Ängstlich? Euphorisch? Warum kann ich nicht einfach natürlich sein?
Bitte denkt daran, dass die Möglichkeiten für behinderte Menschen durch Gesetze, Regeln und reaktionäres Denken begrenzt sind. Es gilt, sich dessen bewusst zu sein und gemeinsam die Scheiße wegzuballern, denn alleine schaffe ich das nicht. 

Monatslink

Letztes Jahr war ich noch selbst für den Her Abilities Award nominiert, dieses Jahr habe ich die große Ehre, selbst in der Jury zu sitzen und drei Frauen mit Behinderungen aus den Bereichen Rechte, Gesundheit und Bildung sowie Kunst, Kultur und Sport auszuzeichnen. 
Frauen mit Behinderungen sind immer intersektionaler Diskriminierung ausgesetzt. Der Her Abilities Award wurde ins Leben gerufen, um Frauen in aller Welt Mut zu machen und zu zeigen, was Frauen mit Behinderungen erreicht haben. Der Preis wurde 2018 von Licht für die Welt zusammen mit der blinden äthiopischen Menschenrechtsaktivistin und Trägerin des Right Livelihood Award, Yetnebersh Nigussie initiiert. 2018 wurden 158 Frauen mit Behinderungen aus 52 Ländern nominiert. Die drei Gewinnerinnen 2018 waren Musola Catherine Kaseketi aus Sambia, Toyin Janet Aderemi aus Nigeria und Ashrafun Nahar aus Bangladesch.
Noch bis einschließlich zum 21. Juni 2019 können herausragenden Frauen mit Behinderungen für den Her Abilities Award nominiert werden.

Der Journalismus ist hierzulande noch viel zu wenig divers, viele verschiedene Minderheiten sind in den Redaktionen stark unterrepräsentiert. Das hängt nicht nur mit der fehlenden Barrierefreiheit der Redaktionsräume zusammen, sondern auch mit einem Arbeitsmarkt, der immer noch nicht inklusiv ist. Das Recherchestipendium für Journalist*innen mit Behinderung mit Schwerpunkt Lösungsorientierter Journalismus soll ein erster Schritt sein, um den Journalismus diverser zu gestalten. Als Jurymitglied wende ich mich zusammen mit meinen Kolleg*innen explizit an Journalist*innen mit Behinderung. Sie sollen mit dem Stipendium in die Lage versetzt werden, ein aus ihrer Sicht wichtiges Thema mit gesellschaftlicher Relevanz zu beleuchten und Lösungsansätze zu recherchieren. Das Recherchestipendium ist mit einem Betrag von 5.000 Euro dotiert. Bewerbt euch noch schnell bis zum 7. Juni 2019!

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