Inklusion

Meine Behinderung, deine Zeit und die Liebe

Eine Behinderung macht dich stark, sagen sie. Dein Umgang mit ihr inspiriert die Menschen. Deine Behinderung macht dich einzigartig.

— 22. Januar 2019

Das alles ist so wahr und falsch zugleich. Heute möchte ich erzählen, was mir meine Behinderung gegeben hat. Sie hat mir die Liebe gezeigt.

Die ersten Worte in diesem neuen Jahr habe ich an den Mann gerichtet. Ich habe ihm gedankt, dass er mich begleitet, seine Zeit mit mir verbringt. Denn es ist genau diese Zeit, seine Zeit, die ich viel in Anspruch nehme.

Danke, dass du mir einen Dutt machst, jeden Tag. Danke, dass du mich in enge Hosen schießt. Danke, dass du mit mir in Restaurants auf die Toilette gehst. Danke, dass du auf mich wartest, weil ich mehr Zeit für die Dinge des Lebens brauche, jeden Tag.

So lange gehörte die Zeit nur mir. Mein Leben, mein Tempo. Meine Verantwortung, meine Zeit einzuteilen, mein Abwägen. Es gab nur mich und meine zehn Minuten, mir eine Leggings anzuziehen, meine 45 Minuten, mir Frühstück zu machen. 

Es ist ein ständiger Prozess der Akzeptanz mit sich selbst, jeden Tag zu sehen, dass ein nichtbehinderter Körper mehr leisten kann als ich. Angezogen, Frühstück abgeräumt, Zähne geputzt, während ich gerade erst aus der Dusche steige. Jetzt könnte er los, die Wohnung verlassen, während ich noch 90 Minuten damit verbringen werde, mich fertig zu machen. So normal für mich, für ihn eine Ewigkeit. Doch er bleibt und gibt mir was von seiner Zeit ab. Für die gemeinsame Zeit. Zusammen verlassen wir die Wohnung wenige Minuten später.

Noch nie zuvor in meinem Leben wurde ich so sehr mit meiner Behinderung konfrontiert wie in meiner Beziehung zu meinem Mann. Jeden Tag rast er um mich herum, für sich, für mich. Während die Zeit für mich ein dickflüssiger Brei ist, in dem ich oft drohe zu ersticken, beherrscht er die Sekunden der Minute. Es steht kontinuierlich 10:1. Und dann gibt er mir was von seiner Zeit ab. Für den Gleichstand, für unser gemeinsames Leben, indem gemeinsame Zeit unser hohes Gut ist.

Mich zu lieben kann vielleicht leicht sein, aber es auszuhalten, standhaft zu sein in erdrückenden Momenten, kann schmerzhaft sein.

Danke, dass du mich liebst. Danke, dass du mit mir leidest und kämpfst, jeden Tag.

Eine Behinderung muss dich nicht stark machen. Ich leide unter den Folgen, die mir das Merkmal Behinderung aufzwingt. Ich werde angestarrt, angefasst, ausgeschlossen, in meinen Möglichkeiten begrenzt. Jeden Tag spüre ich mit meinem behinderten Körper, dass die Gesellschaft noch immer nicht bereit ist, Menschen wie mich mitspielen zu lassen. Der, der sich freiwillig dazu entschieden hat, an meiner Seite zu sein und all das aushalten und bekämpfen muss, sich in starken Momenten hinter mich stellt und in meinen schwachen Momenten vor mir steht, um zu kämpfen, wenn ich es nicht mehr kann, der muss voll mit Liebe sein. 

Teilen