Reise

Wandern in Südtirol – barrierefrei in die Natur

Ende September musste ich leider in Südtirol Urlaub machen. Jeden Morgen blendete mich die Sonne zu stark und die Berge versperrten einem die Aussicht. Aus Frust musste ich viel Almdudler mit Wodka trinken und meine armen Nerven in der Sauna beruhigen.

— 28. Oktober 2018

Jeden Tag musste ich mit dem Mann – mein Freund – wandern gehen. Durch das Toblacher Tal, rauf zu den Drei Zinnen und über die komplette Seiser Alm. Ständig musste ich sehr viel essen, denn Wandern ist anstrengend. Doch während ich vom Mann die vielen barrierefreien Wanderwege (sehr lang) entlanggeschubst, über Berge (sehr hoch) getragen und Schluchten (zu tief) geworfen wurde, konnte ich ein paar deepe Gedanken sammeln.

Wie weit darf man in die Natur eingreifen, um sie für jede*n zugänglich zu machen? Das war ein Gedanke, der mich bei meiner ersten Wandertour in Südtirol begleitete und mich sofort an nicht mehr los ließ, gleich gefolgt von der dringenden Frage, in welches Gebüsch ich am besten pinkeln könnte, begleitet von der ständigen Sorge, Johannes B. Kerner beim Nordic Walking zu begegnen.

Reisen plane ich sehr sorgsam. Ich bin Rollstuhlfahrerin. Verlasse ich meine gewohnte und an meine Bedürfnisse angepasste Umgebung, in der ich mich ungehindert bewegen kann, bedarf es einen höheren Organisationsaufwand, um mir meine Selbständigkeit weiterhin zu bewahren. Ich buche barrierefreie Unterkünfte und orientiere mein Freizeitprogramm an barrierefreien Angeboten
Wenn ich mit meinem Rollstuhl in meiner Heimatstadt Berlin auf weitestgehend barrierefreien Strecken unterwegs bin und die starrenden Menschen erfolgreich ausblende, vergesse ich sehr schnell und sehr oft, dass ich das Merkmal Behinderung überhaupt besitze. Dass ich jedoch grundsätzlich zu den Menschen gehöre, die gesellschaftlich, strukturell und von ihrer bebauten Umwelt behindert werden, wird mir spätestens dann wieder klar, wenn ich zum Beispiel dringend einen Brief bei der Post abgeben muss und sich zwischen mir und dem Postschalter am Filialeingang eine Stufe befindet, die mich vom Abgeben meines dringenden Briefes abhält.

Auf Reisen ist es mir wichtig, möglichst unabhängig von meinem Reisepartner zu sein. Bei der Buchung einer Unterkunft, habe ich darauf geachtet, dass die Standards, die meine Selbstständigkeit bewahren, möglichst eingehalten werden. Das gilt im Idealfall auch für die Sauna und die Minibar.
Aber wie verhält es sich in der freien Natur, in der Barrierefreiheit nicht einheitlich definierbar ist? Kann die Natur für Menschen mit Behinderungen zugänglich und gleichzeitig möglichst unberührt, bzw. naturbelassen bleiben?

Südtirol für alle – Naturangebote für behinderte Menschen

Die Vielfalt der Anforderungen an die Natur um für Menschen mit Behinderungen erlebbar zu sein, spiegelt sich in der Vielfalt kreativer Maßnahmen und Angebote wider. Beispielsweise können kontrastreiche Markierungen an Wald- und Wanderwegen eine Orientierungshilfe für Sehbehinderte sein. Führungen durch die Natur oder naturbezogene Ausstellungen in Leichter Sprache ermöglichen Naturerlebnisse für Menschen mit Lernbehinderung. 
Das Reiseportal Südtirol für alle stellt auf seiner Website und per App ausgewählte und geprüfte Orte in Südtirol zusammen, die für Menschen mit Behinderung erlebbar sind. In den verschiedenen Regionen werden entsprechende Wanderrouten vorgeschlagen und im Detail beschrieben. Meist findet man bei den Routen breite Wege mit gleichmäßigem Bodenbelag und moderaten Steigungen vor. Ausgewaschene Abschnitte nicht befestigter Waldwege, steiniger Untergrund, lockerer Kies und Wurzeln können das Antreiben von Rollstühlen allerdings stellenweise erschweren (der arme Mann). Entsprechende Hinweise sind nach Möglichkeit in den Wegbeschreibungen enthalten. Die Wegbeschreibungen informieren zudem über Einkehrmöglichkeiten mit rollstuhlgerechten Toiletten – Ein wahrer Segen, wenn man nicht die Möglichkeit hat, sich beim Pinkeln ins Gebüsch zu hocken oder, wie in meinem Fall, während der Wanderung die ganze Zeit Südtiroler Schinken und Schokolade isst.

Bin ich behindert oder werde ich behindert? Das Soziale Modell

Als Rollstuhlfahrerin bin ich grundsätzlich, ob in der Stadt oder in der Natur, auf Angebote angewiesen, die mir das Leben und Fortbewegen ermöglichen. Menschen ohne Rollstuhl sind das auch. Der Unterschied ist, dass ich nicht Teil der grundsätzlich für allgemeingültig gehaltenen Norm bin.
Es überrascht nicht, dass der Mensch von sich ausgehend Normen schafft. Das Problem daran ist aber, dass sie für diejenigen, für die sie gelten erst selbstverständlich und dann unsichtbar werden. Vor diesem Hintergrund geht das Soziale Modell davon aus, dass Menschen nicht von sich aus behindert sind, sondern von ihrer Umwelt behindert werden. Es wäre insofern relativ leicht, aus ihnen allen Menschen mit Behinderungen zu machen. Dafür würde es schon reichen, die Sitzflächen von Stühlen, oder noch besser, von Toiletten auf 1,80 Meter zu erhöhen. Oder man könnte Türen künftig nur noch 25 cm breit bauen. Das würde sie nicht weniger benutzbar machen, nur Sie (ja genau, Sie!) kämen halt nicht mehr rein. Bereits kleine Veränderungen der Norm können also eine Menge Menschen von Teilhabe ausschließen oder genauso umgekehrt Teilnahme ermöglichen. Es klingt so einfach! Und warum sollte ich als Rollstuhlfahrerin darauf verzichten, meinen Alltag und meine Arbeit genauso frei von Hindernissen erledigen zu können wie ein Mensch, der von seiner Umwelt weniger behindert wird als ich?

Toblacher See

Das Soziale Modell ließe sich ohne weiteres auch auf die Natur anwenden. Die einzige Frage lautet, wie viele Bagger und Kettensägen es braucht, um einen Wald so zu gestalten, dass er niemanden mehr behindert. Klar, der Wald könnte dann am Ende unter Beton verschwinden … Es steht für mich außer Frage, dass in der Stadt und in der Natur unterschiedliche Grundsätze gelten. Die Stadt muss möglichst barrierefrei gestaltet sein, damit möglichst viele Menschen ungehinderten Zugang zu ihr haben. Die bebaute Umwelt ist in erster Linie die Sphäre der Arbeit. Für mich ist umgekehrt die Natur die Sphäre der Freizeit und Erholung, von daher sollte sie möglichst vielen Menschen möglichst unverändert erlebbar zur Verfügung stehen. Hier stelle ich mir also die Frage, was ich tun kann, dass andere sie noch genießen können, wenn ich durchgerollt bin.
ABER: Wenn ohnehin Natur erlebbar gemacht wird, indem gepflasterte Wege angelegt, Besucherzentren eingerichtet und Parkplätze mit Aussichtspunkten gebaut werden, wie ich es selbst am Pragser Wildsee, der wohl größten Touristenfalle Südtirols, erleben musste, dann finde ich es wie in der Stadt befremdlich, diese nicht so zu bauen, dass von ihnen niemand behindert wird.

Seiser Alm

Wie möchte ich selbst die Natur erleben und was erwarte ich von ihr?

Wie gesagt, ich halte es für selbstverständlich, Angebote wie den öffentlichen Nah- und Fernverkehr, Kulturinstitutionen oder Arztpraxen – um nur wenige Beispiele zu nennen – im Sinne des Sozialen Modells barrierefrei zu gestalten. Unabhängig davon möchte ich aber für mich selbst keine Natur mit angeschlossenem Museumsshop, Behinderten-WCs oder gar Tieren in Käfigen. Wenn ich ›raus in die Natur‹ gehe, dann nicht auf betonierten Pfaden durch Wälder, in denen ich in regelmäßigen Abständen mit Schildern konfrontiert bin, auf denen die nächste Gaststätte mit Behinderten-WC ausgewiesen ist. Diese Art Schilder begegnen mir ja noch nicht mal in Berlin, warum sollte man ausgerechnet im Wald damit anfangen? Mein Verständnis vom Sein in der Natur definiere ich mit einer gewissen Art von ausgeliefert sein. Hier will ich mich der Umwelt anpassen. Ich will den Dreck unter meinen Fingernägeln! Keine Plüschtiere! Dabei ist mir allerdings klar, dass mich das durchaus vor größere Hindernisse stellen kann, als es der bestufte Eingang einer Postfiliale jemals könnte.

Mit Rollstuhl in die Natur, wie passt das zusammen?

Im Sommer 2017 packte der Mann seinen Rucksack und reiste für zwei Monate durch die USA: Von den Rocky Mountains in Montana über die Cascade Mountains in Washington und Oregon an die Pazifikküste und durch den Yellowstone und Glacier Nationalpark wieder zurück nach Montana. Im Rucksack befanden sich unter anderem Zelt, Luftmatratze, Schlafsack, Wasserfilter und Bärenspray. Im Laufe der Reise probierte er Wanderwege, Campingplätze und Pack- und Tragetechniken aus, las über die Orientierung mit Kompass und Landkarte, lernte, wie man Feuer macht und kehrte braungebrannt und behaarter als ein Grizzlybär nach Hause zurück. Seitdem sind Wandern und Zelten ein relativ großes, nicht immer für alle Beteiligten interessantes Gesprächsthema.
Als mein Freund kurz vor unserem Urlaub mit einem Südtiroler Wanderguide nach Hause kam, bildete sich Angstschweiß auf meiner Stirn und es tauchten relativ bald diverse Fragen auf. Die drängendste davon lautete: Wie komme ich mit meinem Rollstuhl nicht nur auf, sondern auch durch einen Waldweg? Im Sinne des Sozialen Modells wird hier recht schnell die Norm sichtbar, dass Wald- und Wanderwege doch eher für Menschen an- und ausgelegt sind, die keine körperliche Behinderung haben. Trotzdem muss ich festhalten, dass es sich auch hierbei um gestaltete und nicht um unberührte Natur handelt, der die Norm des nicht behinderten Menschen zugrunde liegt. Mir ist das Dilemma bewusst, dass sich Natur nicht für alle Menschen mit allen Formen von Behinderungen zugänglich machen lässt, ohne die Natur dabei nachhaltig zu verdrängen.
Wenn mein Freund mich dennoch die Dolomiten hoch und runter schubsen möchte, gilt es aufgrund dieser Tatsachen im Vorfeld nicht nur eine Menge Almdudler mit Wodka zu trinken, sondern auch einen etwas höheren Planungsaufwand zu bewältigen. Wir haben einen deutlich erhöhten Informationsbedarf, müssen je nach Ziel und Route höhere Sicherheitsvorkehrungen treffen und grundsätzlich unseren Reiseverlauf an eine nicht für unsere Bedürfnisse normierte bzw. uns behindernde Umwelt anpassen. So ganz nebenbei, leider gilt das in 2018 auch noch für unsere Unternehmungen in der Stadt. Aber das ist eine andere Geschichte. An dieser Stelle stellt sich mir viel mehr die Frage: Wie kann ich die Natur mit meinem Gesicht erleben, ohne sie gleichzeitig mit meinen Füßen bzw. Hintern platt zu machen?

Fazit: Nature first!

Dass sich die Natur nicht für alle Menschen mit allen Formen von Behinderungen zugänglich machen lässt, ohne sie dabei nachhaltig zu verdrängen, scheint mir ein unüberwindbares Dilemma. Eine Möglichkeit, wie eine Balance geschaffen werden kann zwischen für Menschen mit Behinderungen erlebbarer und gleichzeitig möglichst unberührter Natur, ist wohl eine Aushandlung mit der persönlichen Haltung gegenüber der Natur und des individuellen Anspruchs inwieweit ich als Rollstuhlfahrerin mein Naturerlebnis definiere und bereit bin, Kompromisse einzugehen. Und sei es, dass ich komplett auf mein Naturerlebnis verzichten muss.
Ich möchte die Natur auch in Zukunft über mein Ego stellen und will ihr im Falle eines Besuches mit Kreativität und Einfallsreichtum begegnen. Es soll in meiner Verantwortung liegen, entscheiden zu können, wie viel ich mir selbst zutraue – immer berücksichtigend, das Eingreifen in die Natur minimal zu halten. Man muss keine Berge besteigen, um ihnen nahe zu sein. Mir reicht ihre Anziehungskraft. Wie Magnete bleiben die Augen an ihnen kleben. Sie lassen dich winzig wirken und geben gleichzeitig Kraft, dich groß und stark und demütig zu fühlen. Das alles tut unglaublich gut. 

Südtirol, I♥️you.

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