Großstadt

Warten bis der Arzt kommt – vom Warten und Sterben im Krankenhaus

Mit den Insass*innen des Die Welt Ballons treffe ich mich alle 15 Minuten auf Augenhöhe. Aus meinem Zimmer im 16. Stockwerk sehe ich, wie der Ballon über dem Check Point Charlie auf und absteigt.

— 12. März 2018

Ihr Blick reicht, wie meiner, über den Horizont aus bunten Dächern, darunter viele Fenster, dahinter kleine Menschen. Rechts von mir die große Glaskuppel, umrahmt von vier Fahnen. Schwarz, rot, gold. Tief unter mir erstrecken sich kleine Gassen aus grauen Straßen. 
Ich drücke leicht mit der rechten Hand auf die Kanüle in meiner linken Elle. »Ja, Frau Gehlhaar, die muss rein, damit das Kontrastmittel für die MRT da durchlaufen kann.«, eröffnet mir der Stationsarzt, als er sich nach zwei gescheiterten Anläufen, mit einer Nadel vergebens nach einer Vene in meiner Hand zu suchen, für die linke Elle entscheidet. Er pickst einen Millimeter neben dem Einstich vom Tag zuvor in der Notaufnahme zu. Blut fließt. Endlich. 
Die MRT wird ohne Kontrastmittel gemacht. »So ein Quatsch. Dafür brauchen wir doch kein Kontrastmittel!«, beschwert sich der Radiologe. Er ist jünger als ich. Ebenso mein Stationsarzt. Ich hasse sie beide. »Was die Kollegen machen, ist deren Ding. Ich arbeite in meinem kleinen Refugium hier unten.«, sagt der Radiologe. Ohne Zustimmung von Richtigkeit gebe ich ihm recht. Hier scheint jeder und jede abgeschlossen in der eigenen Welt zu arbeiten, nicht wissend, was in der des anderen passiert. Das echte Leben ist auch im Krankenhaus angekommen. 
Ich bewundere die Tumore, wie sie stolz in einer Reihe aus eingerahmten Röntgenbildern triumphierend an der Wand protzen. »Hübsch. Sehr beruhigend.«, sage ich laut zu mir selbst, während der Radiologe neben mir steht und mir eine Schale vor die Brust hält. Ich lege meine Ringe und Haarklammern hinein. Im T-Shirt sitze ich neben ihm und gucke mir noch immer fasziniert die Perfektion eines Hirntumors an. »Tragen Sie keinen BH?«, fragt er mich. Verdutzt schaue ich ihn an: »Sie meinen, trage ich EINEN BH?!«, »Ja.«, »Nein.«

Auf das Ergebnis der MRT-Untersuchung warte ich drei Tage. Dazwischen liegt ein Wochenende. Da arbeitet man nicht. Auch nicht im Krankenhaus. Und sowieso braucht man hier viel Zeit und Geduld und starke Nerven, vor allem aber Humor. Sonst stirbt man. Oder schlimmer: Man wartet. 

Vor zwei Tagen bin ich in der Notaufnahme angekommen. Nachdem ich es nach drei Tagen vor höllischen Schmerzen und Lähmungen im linken Arm nicht mehr ausgehalten habe. Mit Verdacht auf Halswirbel oder Plexusneuritis schickte mich meine Neurologin in die Notaufnahme der Charité in Mitte. Seitdem warte ich. Auf Blutproben, die in den Unendlichkeiten der Rohrpost verloren gegangen sind, auf Urinproben, die zwar mit meinem Namen abgeschickt wurden, aber mit Friederike-Gasthut-Namensschildchen wieder zurückgebracht werden, auf Untersuchungsergebnisse. Aber vor allem wartete ich über zehn Stunden in der Notaufnahme auf eine Erstuntersuchung. 
Man braucht starke Nerven und ein langes Leben, um die Zeit im Krankenhaus vergehen zu lassen. Und so sitze ich den ganzen Tag in meinem Zimmer und mache das, was alle Rollstuhlfahrer*innen den ganzen Tag machen: Aus dem Fenster schauen.

Tief unter mir beobachte ich kleine graue Menschen zu einem kleinen grauen Haufen geformt wartend an einer Bushaltestelle, einen Autofahrer, der einen Fahrradfahrer aggressiv überholt, anscheinend weil ihm dieser zu langsam gefahren ist. Ich kenne das. Wenn ich mit meinem Auto in einer 50er Zone unterwegs bin und mich ein Fahrradfahrer für zwei Sekunden davon abhält, meine 70 km/h vollends durchzuziehen, werde ich auch sehr, sehr wütend. In meiner Wut blicke ich nach oben zu der tropfenden Flüssigkeit, die in einem Beutel an einer Stange über meinem Kopf baumelt. Im Zwei-Sekunden-Takt tropft das Cortison durch einen Schlauch hinunter in meine Kanüle. Das geräuschlose Tropfen beruhigt mich und mein Blick wandert wieder 16 Stockwerke nach unten.
Von hinten sehe ich eine auffallend hin und her schwankende Person wie sie sich der Bushaltestelle nähert. Aufgeregt lehne ich mich etwas nach vorne und kneife meine Augen leicht zusammen. Eine Spastik, denke ich. Der Typ hat 100 % eine Spastik! Bestimmt hatte er Sauerstoffmangel bei der Geburt. Kennt man ja schließlich.
Neugierig lehne ich mich weiter nach vorne und merke, wie meine Nase und Stirn an der Fensterscheibe vor mir plattgedrückt werden. Gerade so werde ich noch Augenzeugin wie der Typ mit seiner Spastik die graue Menschentraube spaltet und mit an sich klebenden Blicken hindurchhumpelt. »Glotzt nicht so!«, flüstere ich wütend gegen die Scheibe und ärgere mich im selben Moment über die feuchte Luft, die jetzt an der Scheibe klebt und mir vollends die Sicht nach unten versperrt. Der Typ ist weg. Mist.

Die nächsten vier Tage sitze ich wieder am Fenster und warte. Darauf, dass mir endlich eine Diagnose mitgeteilt wird und die Schmerzen aus meinem Arm verschwinden und die Kraft zurückgekehrt. Die Sonne scheint, die Luft ist klar. Nur den Die Welt Ballon kann ich an seinem höchsten Punkt nur noch verschwommen erkennen. Die Fettschicht von Nase und Stirn behindert mich in meiner Sicht nach draußen.

Wenn Behinderte Behinderte anglotzen. Karma is a bitch!


Laut Gewerkschaft ver.di fehlen über 3.000 Pflegestellen in Berliner Krankenhäusern. Das sind mindestens 3.000 zu viele. Ausbildungsplätze und Bewerbungen gehen zurück, Stellen werden abgebaut, um mit geringeren Kosten möglichst viel Gewinn zu machen. Wer zurückbleibt, sind Patientinnen und Patienten, deren Leben auf dem Spiel steht und überarbeitete Krankenschwestern und Krankenpfleger, die sich körperlich kaputtarbeiten und Zweitjobs haben, um sich über Wasser zu halten, während sich Konzerne Gedanken um Profit und ihren Krankenhäusern Vorgaben machen, wieviel Prozent Gewinn sie zu erwirtschaften haben.

So kann es nicht weitergehen!

Der Beruf der/des Krankenschwester/-Pflegers ist mehr als Arschabwischen — wobei, das auch. Aber irgendwann geht einem das am Arsch vorbei. Es geht um ein hohes Maß an Verantwortung, Organisation, Fachwissen und Teamwork. Gerade wenn es um meine Gesundheit geht, möchte ich mich gut aufgehoben fühlen — pflegerisch und vor allem menschlich.
Wer das auch möchte, sollte den Volksentscheid für gesunde Krankenhäuser unterstützen und unterschreiben! Für mehr Personal im Krankenhaus durch feste Personal-Patienten-Schlüssel und die Investitionen des Landes Berlins in unsere Krankenhäuser maßgeblich erhöhen!

Teilen